Rudolf Öller

Kommentar

Rudolf Öller

Rituelle Defätisten

12.04.2019 • 13:34 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Dieter Nuhr, einer der prominentesten deutschen Kabarettisten, bürstet immer wieder gegen den Strich, so auch in seiner Sendung „Nuhr im Ersten“ am 21. März dieses Jahres. Zunächst machte er sich über die vielen Weltuntergänge lustig. Das Jammern über das Waldsterben wurde in den Achtzigerjahren abgeblasen, als der Wald einfach nicht sterben wollte. Dann zählt Nuhr auf, welche Weltuntergänge wir noch überlebt haben, „Rinderwahnsinn, Schweinegrippe, Hühnergrippe, Vogelgrippe, Iltisschnupfen, Otterhusten …“

Dann las Nuhr den Verhinderern die Leviten: „Wir glauben, die Zukunft liegt nicht im Entwickeln, im Vorwärts. Wir glauben immer, die Zukunft liegt im Verhindern … während der Rest der Welt die Zukunft baut, fordern wir mehr Lastenfahrräder.“ Dann kam der Satz, der Ende März wie ein Lauffeuer durch die sozialen Netzwerke lief: „Liebe Schüler, lasst diese Gestrigen hinter euch, werdet nicht Schrebergärtner, sondern Ingenieure, und wenn Freitag Physik ist, dann geht da ruhig mal wieder hin [Applaus im Publikum], denn die Erfinder werden die Welt retten, nicht die Verhinderer, nicht die, die im Weg stehen, sondern die, die neue Wege bauen …“

Nuhr hat Recht. Das Jammern über die Fehler der Vergangenheit ist etwas für rituelle Defätisten. Die Menschheit hat seit der Jungsteinzeit vieles falsch gemacht, aber jetzt sind wir mit sieben Milliarden Menschen und dem damit einhergehenden Boden- und Naturverbrauch an einem Punkt angelangt, an dem Reparaturbedarf herrscht. Die durch übermäßigen Gebrauch von Antibiotika entstandenen Resistenzkeime sind eine Bedrohung, daher brauchen wir Pharmazeuten und Genetiker. Das Internet lockt Virenprogrammierer an, zum Schutz brauchen wir loyale Systemprogrammierer. Die Zukunft liegt auch nicht im E-Auto für alle, denn die dazu benötigte elektrische Energie wird es nie geben. Wir brauchen Hybridsysteme.

Ein Hinweis für Lehrer von Naturwissenschaften sei gestattet. Den Jugendlichen darf und soll erklärt werden, dass Naturwissenschaften die schärfsten Feinde der Ideologen waren und sind. Die Inquisitoren des 17. Jahrhunderts gingen gegen Gelehrte vor und erlebten leider schändliche Siege. Der Nationalsozialismus versuchte die moderne „jüdische“ Physik zu verdammen, und genau das Gleiche machten die Kommunisten. Lenin diffamierte in seinem Werk „Materialismus und Empiriokritizismus“ einige Wissenschaftler und erfand eine „Krise der Physik“. Stalin hasste – so wie die Nationalsozialisten – die Relativitätstheorie und die Quantenphysik, was manche Professoren nicht überlebten. Zu schlechter Letzt dürfte die Absicht des politischen Islam bekannt sein, eine Renaissance des Mittelalters anzustreben.

„Das Jammern über die Fehler der Vergangenheit ist etwas für rituelle Defätisten.“

Rudolf Öller

rudolf.oeller@vobs.at

Mag. Dr. Rudolf Öller ist
Biologe und Lehrbeauftragter
des Roten Kreuzes.