Was hinter der Atomrakete 2.0 steckt

Wissen / 18.08.2019 • 11:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Die hier abgebildete 9M729 ist bald Vergangenheit. Die Zukunft gehört der 9M730. AFP

Die ultimative Vergeltungswaffe aus Russland.

Schwarzach Bisher verstand man unter einer Atomrakete eine mit einem Atomsprengkopf, Namensgebung also nach Zweck oder Ziel. Wie bei der Mondrakete, die zum Mond fliegt. Niemand nimmt an, dass sie irgendwie vom Mond angetrieben wird. Bei der Atomrakete ist aber eine andere Lesart möglich: Atomarer Antrieb des Fluggeräts. Geht das denn?

Probiert wird es, wie der aktuelle Zwischenfall an der russischen Eismeerküste beweist. Dort sind sieben Personen umgekommen, während sie, laut russischer Behörde, versuchten, die „isotopische Energiequelle“ für eine Testrakete zu betreiben. Es hat Gerüchten zufolge eine Explosion gegeben, die Menschen sind jedenfalls nicht an den zwei Mikrosievert Strahlung gestorben, bei jedem Transatlantikflug ist die Belastung 30 Mal höher. Was heißt nun „isotopische Energiequelle“? Radioaktive Isotopen liefern den Strom für Raumsonden, ein paar hundert Watt, aber damit treibt man keine Rakete voran. Richtig Power hat nur Uran 235, auch ein „Isotop“; es handelt sich wahrscheinlich um einen Atomreaktor, den die Russen so verkleinert haben, dass er in einen Marschflugkörper passt. Er heißt 9M730 Burewestnik, „Sturmvogel“.

Marschflugkörper

Das Ding soll in geringer Höhe mehrere Male um den Erdball fliegen, den Kurs kann man beliebig ändern wie bei einem Flugzeug. Funktioniert so: Ein Atomreaktor, ob klein oder groß, erzeugt Hitze durch den radioaktiven Zerfall. Der Reaktor bringt Gas, in diesem Fall gewöhnliche Luft, auf aberwitzige Temperaturen, das Gas wird durch eine Düse ausgestoßen und treibt so den Marschflugkörper voran. Bei einem normalen Raketentriebwerk muss man Treibstoff verbrennen, das fällt hier weg.
Genial, oder? Wie man es nimmt. Diesen Antrieb haben nicht die Russen erfunden. In den USA gab es Ende der 50er-Jahre das Projekt „Pluto“, eine niedrig fliegende Höllenmaschine mit 60 Kilo angereichertem Uran, das die nötige Hitze für ein Staustrahltriebwerk liefern sollte. Bei solchen Apparaten wird die Luft nicht angesaugt, sondern bei mehrfacher Schallgeschwindigkeit durch einen speziellen Einlasstrichter, einen Diffusor, hochverdichtet. Der Start erfolgt durch konventionelle Raketen. 1964 wurde das Projekt eingestellt. Warum? Das Militär selbst empfand es als „zu provokativ“(!) für die russische Seite. Schon der Fluglärm des Gerätes war lebensbedrohend. Das Ding hätte eine Menge radioaktiven Abfall über seine Flugbahn verstreut, der nicht abgeschirmte Reaktor selber massive Neutronen- und Gammastrahlung abgegeben – 100 Meter über dem Boden. Da wäre es auf die 16 Atombomben an Bord auch nicht mehr angekommen, denn „Pluto“ konnte wochenlang über feindlichem Gebiet kreisen und alles verstrahlen.

Wie die russische Variante aussieht, wissen wir nicht; das Strahlenproblem ließe sich durch einen Sekundärkreislauf mildern. Vielleicht hatte Putin ja ein Einsehen. Christian Mähr

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