Merkur vor der Sonne

Wissen / 10.11.2019 • 12:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Neuere Forschungen brachten den Hinweis auf Eis in tiefen Kratern an den Polen des Merkur. REUTERS

Der innerste Planet bietet ein Schauspiel.

Schwarzach Übermorgen, am 11. November, haben Sie Gelegenheit, ein besonderes Schauspiel auf der Sonnenscheibe zu beobachten: Der innerste Planet des Sonnensystems, der Merkur, zieht am Nachmittag vor der Sonne vorbei und wird als winziger, schwarzer Kreis auf ihr sichtbar. Mit freiem Auge wird man allerdings nichts sehen, es reicht aber schon ein kleines Fernrohr und ein Projektionsschirm oder eine aufsetzbare Filterfolie, die das Sonnenlicht eine Million Mal abschwächt. Niemals, unter keinen Umständen, mit bloßem Auge in die Sonne schauen! Wer das tut, wird blind. – 1631 wurde der erste Merkurdurchgang vor der Sonne vom französischen Gelehrten Pierre Gassendi beobachtet – damals ging es um die Frage, ob Merkur eine Atmosphäre oder einen Mond besitzt. Antwort: zweimal nein. Später versuchte der Engländer Edmund Halley, aus zwei an verschiedenen Orten der Erde beobachteten Transiten des Merkur die „astronomische Einheit“ zu bestimmen, das ist die Distanz zwischen Erde und Sonne. Er stellte fest: Merkur ist zu klein für die Methode, Venus wäre besser geeignet.

Allerdings gibt es einen Merkurdurchgang alle paar Jahre, bei der Venus muss man oft über hundert Jahre warten. Es wurden Dutzende astronomische Expeditionen losgeschickt, um an entlegenen Orten den Venusdurchgang zu beobachten – die Ergebnisse waren durchwegs enttäuschend. Idee gut, praktische Durchführung mangelhaft. – Aber Merkur ist auch für sich interessant. Nur ein bisschen größer als unser Mond, umkreist er die Sonne in 88 Tagen, während zweier Umläufe rotiert er genau drei Mal um die eigene Achse. Aussehen tut er wie der Mond, es gibt mit erstarrter Lava gefüllte Ebenen und einen Haufen Einschlagkrater, der innere Aufbau gleicht eher der Erde; Merkur hat nämlich einen großen Kern aus Eisen und Nickel und ein Magnetfeld, was bedeutet, dass ein Teil seines Inneren aufgeschmolzen ist. Sehr seltsam, der kleine Planet sollte längst erstarrt sein. Neuere Forschungen brachten den Hinweis auf Eis in tiefen Kratern an den Polen des Merkur; an Eis denkt man nicht als Erstes bei einem Himmelskörper mit 400 Grad Oberflächentemperatur. Warum schickt man nicht einfach eine Sonde hin und schaut nach? Hat man gemacht, aber erst zwei Mal, eine dritte Sonde namens „BepiColombo“ wurde letztes Jahr gestartet und wird den Merkur 2025 erreichen.

Sieben Jahre für die lumpigen 91 Millionen Kilometer? Das liegt an der Himmelsmechanik. Die Sonde braucht neun Swing-By-Manöver an Erde, Venus und Merkur, um sich dem Planeten zu nähern. Sie braucht damit genau so lang wie die Sonde Pioneer 10 in den Siebzigerjahren zum 32 Mal weiter entfernten Uranus! – Wer den Merkurtransit versäumt, kann sich den Planeten ohne Sonne anschauen: Ende November am Südosthorizont gegen sieben Uhr am Morgen. Fernglas genügt. Christian Mähr