Das verschwundene Auto

Wissen / 14.02.2020 • 09:34 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Geworden ist nichts aus dem Bor-Auto, als Chrysler von Daimler übernommen wurde, verschwand es in der Versenkung.CHRYSLER
Geworden ist nichts aus dem Bor-Auto, als Chrysler von Daimler übernommen wurde, verschwand es in der Versenkung.CHRYSLER

Alternative zum Lithiumakku?

Schwarzach Im Jahre 2002 stellte die Firma Chrysler einen Wagen mit ungewöhnlichem Antrieb vor. Das Modell hieß „Natrium“, ein Van auf der Basis des auch in Europa bekannten „Chrysler Voyager“. Der Name ist ungewöhnlich, das Element Natrium heißt in gewöhnlichem Englisch nämlich „sodium“; und mit Ntrium hat der Antrieb sowieso nur am Rand zu tun – er beruht nämlich auf dem Element Bor. Gefahren wird mit Natriumborhydrid. Das reagiert in einem Reaktorgefäß mit Wasser zu Natriumtetraborat und Wasserstoff. Der versorgt dann eine Brennstoffzelle, die macht daraus mit dem Sauerstoff aus der Luft – Wasser und elektrischen Strom. Dass Wasser verlässt das Auto durch den Auspuff (das einzige „Abgas“ dieses Antriebs!), der Strom treibt einen Elektromotor, den dann – endlich – das Auto vorwärts bringt. Und ja, der Wasserstoff musste intern in einem Wärmetauscher getrocknet werden, der Strom in einer Batterie zwischengespeichert; dazu kamen noch ein paar Hilfsaggregate, letzten Endes war in der Bodengruppe des Chrysler Voyager eine kleine Chemiefabrik integriert, Platz für Passagiere und Gepäck ging dadurch nicht verloren; alles eben miniaturisiert. Das Auto erreichte 130 kmh, Reichweite: 500 Kilometer. Emissionen: Null.

Lange geheim gehalten

Das Konzept stammt aus der militärischen Forschung des 2. Weltkriegs, wurde aber bis in die fünfziger Jahre geheim gehalten und erst im neuen Jahrtausend wieder aufgegriffen. Was taugt das Ganze? mit einem Kilo Natriumborhydrid und 1.9 Kilo Wasser erzeugt man 106 Gramm Wasserstoff. Mit 800 Gramm des Gases kommt man in einem Brennstoffzellenauto 100 Kilometer weit. Für 500 Kilometer braucht man demnach 109 Kilo Borsalz und Wasser.

Die weltweiten Borvorkommen liegen bei 1.2 Milliarden Tonnen, das dürfte fürs erste wohl genügen. Außerdem wird der wässrige Boratschlamm, der bei der Reaktion entsteht, natürlich nicht in den nächsten Gulli geschüttet, sondern zur Wiederaufbereitung gesammelt. Das ist nämlich mit Wasserstoff möglich, es entsteht frisches Natriumborhydrid. Für alle Gewinnungs- und Recyclingmethoden dieser Substanz braucht man Strom aus regenerativen Quellen, das wurde hier von Anfang an berücksichtigt.

Im Gegensatz zum hochgelobten Lithiumionenakku, wo es bis jetzt heißt „ …ja, sicher, irgendwann müssen wir damit beginnen, das Lithium zu recyclieren…“. Bedeutet, den alten Akku, ein hochkomplexes Teil, erst einmal auseinander zu fieseln, Boratschlamm dagegen heißt: technische Chemie, da geht es um Anlagen im 1000-Tonnen-Maßstab. – Geworden ist nichts aus dem Bor-Auto, als Chrysler von Daimler übernommen wurde, verschwand es in der Versenkung. Eine amerikanische Internetquelle vermerkt giftig, unklar sei, ob wegen fehlender Aussichten – oder weil die Sache nicht in Deutschland erfunden wurde.