In 3000 Jahren vom Gift zum Lebensmittel

Wissen / 29.11.2020 • 09:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
In 3000 Jahren vom Gift zum Lebensmittel
Milch gilt als gefährlich, ob sie heute als Lebensmittel zugelassen würde, ist nicht sicher. APA

Milch gilt als gefährlich – vor allem wegen des Milchzuckers.

schwarzach Laktoseintoleranz – das hat es in meiner Jugend nicht gegeben. Das heißt, gegeben vielleicht schon, es war aber kein anerkanntes Leiden: Leute, die keine Milch vertragen, undenkbar in Vorarlberg. Milch war das Beste und Gesündeste überhaupt, Milch wurde in den Schulen verteilt. Das hat sich gründlich geändert. Milch gilt als gefährlich, ob sie heute als Lebensmittel zugelassen würde, ist nicht sicher. Vor allem wegen des Milchzuckers, der Lactose. Sie besteht aus einem Molekül Galaktose und einem Molekül Glucose. Glucose ist einfach der bekannte Traubenzucker, Galaktose kommt vom griechischen „galaktos“, das heißt „Milch“, Lactose hat ihren wissenschaftlichen Namen vom Wort „lac“, das heißt auch „Milch“ – aber auf Latein.

Und was ist dieser ominöse Milchzucker? Ein weißes Pulver, leicht wasserlöslich und trotz der Bezeichnung „Zucker“ nicht besonders süß. In der menschlichen Milch zu 5-7 % enthalten, in der Kuhmilch zu 4-5 %. Wenn man Milch trinkt, muss der Milchzucker verdaut werden. Der erste Schritt besteht in der Spaltung in die beiden Einfachzucker Galaktose und Glucose. Dazu braucht es ein Enzym, und das heißt eben „Lactase“. Wenn etwas Chemisches auf „-ose“ endet, ist es irgendein Zucker, wenn es aber auf „-ase“ endet, ein Enzym, ein komplizierter Eiweißstoff, der im Organismus irgendetwas Wichtiges und Nützliches ins Werk setzt. Zum Beispiel Milchzucker spalten. Das Problem dabei: Der Körper ist sehr sparsam und stellt die Produktion von Lactase normalerweise nach dem dritten Lebensjahr ein. Das Kind wird ja nicht mehr gesäugt, braucht das Enzym nicht mehr. Was geschieht, wenn trotzdem Milch getrunken wird? Dann wird der Milchzucker nicht ordentlich verdaut, sondern von Bakterien der Darmwand zu Kohlendioxid abgebaut – ungeheuerliche Blähungen sind die Folge. Bei den meisten Bewohnern des Planeten ist das so.

Zwei Drittel der Menschheit vertragen keine Milch! Wieso vertragen die heutigen Europäer sie dann zu 90 %? Das war nicht immer so: Im Flusstal der Tollense in Mecklenburg-Vorpommern fand man 12.000 menschliche Knochen, Überreste einer Schlacht, die 1200 v. Chr. stattgefunden hat. Wer da gegen wen kämpfte, ist nicht klar, wohl aber, dass nur zwei Individuen das Gen für die Lactasepersistenz in sich trugen; die konnten das Enzym auch als Erwachsene herstellen und vertrugen Milch, die anderen alle nicht. Auch in 4000 Jahre alten Knochen aus Zentralasien fand sich keine Spur dieses Gens – diese Steppenvölker tranken keine Milch. Das Verdauen von Milch hat sich in nur 3000 Jahren völlig durchgesetzt. Viehzucht wurde schon lang vorher betrieben – Milchtrinken muss ab 1200 v. Chr. in Europa einen enormen Vorteil verliehen haben. Welchen ist noch unbekannt.

Christian Mähr

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