„Muss die Pflege mit Herz machen“

17.11.2015 • 08:46 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Manuel und sein Betreuer Samuel spielen fast täglich Karten.    Foto: Klaus Hartinger
Manuel und sein Betreuer Samuel spielen fast täglich Karten.    Foto: Klaus Hartinger

Samuel Latcu arbeitet in Vorarlberg als selbstständiger Personenbetreuer.

Lauterach. Samuel Latcu (30) spielt mit Manuel Bargehr (24) Uno. Dieses amerikanische Kartenspiel liebt Manuel. „Ich glaube, du gewinnst“, sieht Samuel für sich keine Chance mehr. Manuel lacht, seine Augen strahlen. Dass Manuel heute in der Lage ist, Uno zu spielen und das Spiel sogar gewinnen kann, kommt einem kleinen Wunder gleich. Denn mit 15 fiel der Lauteracher nach einem Badeunfall ins Wachkoma.

„Unser Sohn ist beinahe ertrunken. Er konnte erst nach acht bis zwölf Minuten aus dem Wasser geborgen werden. Ein Arzt reanimierte ihn“, schildert Vater Paul (56), was vor neun Jahren passiert ist. Seine Frau Elisabeth (56) ergänzt: „Manuel war zirka ein halbes Jahr im Wachkoma. In dieser Zeit hat er niemanden erkannt. Dann ist er aber langsam in unsere Welt zurückgekommen. Sein Interesse an der Umwelt ist stetig größer geworden. Heute können wir mit ihm kommunizieren. Er versteht alles und antwortet auf seine Art.“ Manuel war von Anfang an in häuslicher Pflege. Den Eltern war es wichtig, „unseren Sohn nach Hause zu holen und ihn selbst zu pflegen. Denn wir lieben Manuel über alles“.

Weil Elisabeth einen Bandscheibenvorfall erlitten hatte, mussten sich die Bargehrs aber im März dieses Jahres Unterstützung ins Haus holen. Sie engagierten mit Samuel einen selbstständigen Personenbetreuer, der ihren Sohn rund um die Uhr betreut und Elisabeth und Paul entlastet.

Die Chemie stimmte

Samuel stammt aus Rumänien. Er lässt sich dort zum Krankenpfleger ausbilden. „Ich mag es, Menschen zu helfen. Das macht mir Freude. Deshalb erlerne ich auch diesen Beruf.“ Der Rumäne arbeitet erst seit ein paar Monaten bei der Familie Bargehr. Das leidgeprüfte Paar würde ihn aber nicht mehr hergeben. Das hat mehrere Gründe.

Zum einen hat die Chemie zwischen den beiden jungen Männern von Anfang an gestimmt. „Manuel und ich haben viel gemeinsam. Wir haben denselben Musikgeschmack, lachen über dieselben Witze und schauen uns beide gerne Videos und Filme an, vor allem Komödien“, plaudert der Betreuer von Manuel aus dem Nähkästchen.

Die Gemeinsamkeiten und die Zeit, die sie miteinander verbringen, verbinden. „Ich sehe Manuel nicht als Patienten. Für mich ist er ein Freund, ja mehr noch, ein Bruder. Freunde sind nicht vier Wochen am Stück zusammen.“ Elisabeth muss schmunzeln. Sie denkt daran, dass jeden Tag lautes Gelächter aus dem oberen Stock dringt.  „Die haben miteinander so eine Gaudi. Das ist richtig herzerwärmend.“ Aber sie ist sich sicher: „Wenn Samuel nicht so gut Deutsch könnte, könnte er Manuel nicht so gut betreuen. Denn unser Sohn braucht Ansprache.“

Bereicherung für die Familie

Insgesamt empfinden die Bargehrs Samuel als Bereicherung. „Er hat sich schnell in unsere Familie integriert“, lobt ihn Paul. Der Betreuer aus Rumänien, der seit vier Jahren in Österreich arbeitet,  könnte sich keinen schöneren Arbeitsplatz vorstellen. „Ich fühle mich hier fast wie zu Hause, manchmal sogar besser.“

Bevor er sich wieder voll und ganz Manuel und dem Spiel zuwendet, möchte er aber noch etwas loswerden, etwas, das ihm auf dem Herzen liegt. „Es ist sehr wichtig für den Patienten und die Familie, dass die Pflege mit Herz und Menschlichkeit gemacht wird. Sonst ist man in diesem Beruf fehl am Platz.“                             

Ich sehe Manuel nicht als Patienten. Für mich ist er ein Freund, ja mehr noch, ein Bruder.

Samuel Latcu

Für mehr als 1000 Familien im Einsatz

1168 Vorarlberger Familien wurden mit Stichtag 10.11.2015 von 2196 24-Stunden-BetreuerInnen betreut. Ein Drittel dieser Familien werden von Mitarbeitern des „Vorarlberger Betreuungspools“ (BP) betreut. Das ist eine gemeinnützige Gesellschaft, deren Gründung im Jahre 2007 vom Land Vorarlberg mitveranlasst wurde. Träger der Gesellschaft sind die ARGE Mobile Hilfsdienste und der Landesverband der Hauskrankenpflege Vorarlberg. Beim BP sind circa 2200 BetreuerInnen registriert. Diese stammen aus Osteuropa bzw. aus Ländern wie der Slowakei, Ungarn, Polen, Tschechien und Rumänien. Laut Angela Jäger, der BP-Geschäftsführerin, haben alle BetreuerInnen mindestens einen Pflegekurs im Ausmaß von 220 bis 480 Stunden absolviert. „Manche haben eine fünfjährige Pflegefachschule besucht oder das Krankenpflegediplom gemacht.“ Kontakt: Betreuungspool gGmbH Vorarlberg, Tel. 05572/386568.