Wenn Helfen keine Uhrzeit kennt

17.11.2015 • 09:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Die vierjährige Mia aus Sonntag lässt sich geduldig von Gerlinde Schnegg untersuchen. Foto: VN/Hofmeister
Die vierjährige Mia aus Sonntag lässt sich geduldig von Gerlinde Schnegg untersuchen. Foto: VN/Hofmeister

Dr. Gerlinde Schnegg ist Landärztin aus Überzeugung, trotz aller negativen Aspekte.

Sonntag. Der Job des Landarztes ist nicht attraktiv? Mitnichten, wie das Beispiel von Dr. Gerlinde Schnegg zeigt. „So schlecht wie alle tun, ist das Landarztleben nämlich nicht“, betont sie. Die gebürtige Tirolerin hat sich vor gut drei Jahren aus Überzeugung für die Stelle im Großen Walsertal mit einem Einzugsgebiet von rund 3500 Personen entschieden und fühlt sich dort sehr wohl, auch wenn die Arbeit nicht nur Vorteile mit sich bringt.

Von Indonesien ins Walsertal

Die 51-jährige Ärztin aus Imsterberg kann zahlreiche berufliche Referenzen vorweisen: Im Rahmen ihrer Ausbildung war sie an der Innsbrucker Uniklinik beschäftigt. Anschließend zog es sie ins Landeskrankenhaus Natters (ebenfalls Tirol), bevor sie in Bayern eine Stelle als Landärztin annahm. Doch auch im fernen Ausland war die Wahl-Vorarlbergerin als Ärztin tätig: Ein halbes Jahr lang übte sie ihren Beruf in Indonesien aus, und auch in den USA und im arabischen Raum sammelte sie berufliche Erfahrung. Und trotzdem – oder vielleicht genau deshalb – entschied sich die Mutter einer mittlerweile achtjährigen Pflegetochter für die ländliche Idylle des Walsertals. „Ich habe über zehn Jahre immer wieder den ehemaligen Gemeindearzt Dr. Wals vertreten, die Region und die Leute waren also nicht neu für mich“, sagt sie.

„Ich mag die Walser“

Und: „Ich mag die Walser. Sie sind sehr direkte, ehrliche Leute. Wie ich. Das passt ganz gut“, fügt die Tirolerin hinzu. „Sie sind ein bisschen ,unbestechlich‘: Wenn sie dich mögen, zeigen sie es dir. Und sie zeigen es dir auch, wenn sie dich nicht mögen. Das gefällt mir.“ Schnegg selbst bezeichnet sich als „bodenständige, unkonventionelle Landärztin“, die auch mal in der Jogginghose zum Hausbesuch kommt, „wenn es schnell gehen muss“.

An ihrem Job reize sie unter anderem, „Expertin für alles“ zu sein: „Medizinisch gesehen ist das Aufgabengebiet sehr bunt; es reicht von der einfachen Ausstellung eines Rezepts bis hin zum Muttermal Herausschneiden oder Nähen.“ Sie sehe das als Vorteil: „Das macht Spaß und strengt das Hirn an“, fügt die 51-Jährige hinzu. Auch gefalle ihr, „dass man die Patienten und deren Familienverhältnisse kennt. Und dass man ein Verhältnis zu ihnen aufbaut“. Das begünstige zwar hie und da Gewissenskonflikte: „Aber da muss man einfach schauen, dass man neutral bleibt. Man muss sich ja schließlich an die ärztliche Schweigepflicht halten“, betont sie. Die Patienten am Land seien sehr dankbar und zufrieden, sie nörgeln nicht und stellen auch nicht alles in Frage, sagt sie. „Da habe ich schon andere Erfahrungen gemacht.“

70-Stunden-Woche

Dankbar seien die Patienten nicht zuletzt vor allem auch deshalb, „weil sie wissen, dass ich immer erreichbar bin. Dadurch fühlen sie sich beruhigt und gut versorgt“. Optimal laufe auch die Zusammenarbeit im Zuge des First-Responder-Systems mit der Bergrettung. Dennoch: Rund um die Uhr erreichbar zu sein und zwei Mal monatlich Wochenenddienst machen zu müssen, ist zeitintensiv. Bis zu 70 reine Arbeitsstunden läppern sich da jede Woche zusammen. Und auch reich würde man mit der Arbeit nicht: „Finanziell muss man schon kämpfen und sparen, ich kann mir etwa kein Ultraschallgerät leisten“, führt sie vor Augen. „Ich würde mir wünschen, dass mal durchgerechnet wird, wie dieser Job finanziell machbar wird. Ganz zu schweigen von attraktiv“, richtet sie sich an Krankenkasse und Politik. Der Profit scheint bei der Landärztin ohnehin weit hinten gereiht. „Ich bin als knausrig verschrien, weil ich nur selten Medikamente verschreibe. Das freut zwar weder die Pharmaindustrie noch das Geschäft, aber ich kann nicht aus meiner Haut hinaus“, beschreibt sie ihre Arbeitsweise. „Bei einem Schnupfen verschreibe ich lieber Vitamin C, Schlaf und Ruhe.“

Gemeinschaftspraxis

Schnegg, die es als weiteren Vorteil sieht, ihr Team selbst zusammenstellen zu können, hält die ärztliche Versorgung im Walsertal mit einer zweiten Ärztin für sehr gut. „Mein Traum wäre aber nach wie vor eine Gemeinschaftspraxis, für die Patienten wäre das ideal.“

Medizinisch gesehen ist das Aufgabenfeld sehr bunt.

gerlinde schnegg