Eine Lehre auf der Überholspur

Extra / 04.11.2019 • 15:56 Uhr / 5 Minuten Lesezeit

Rund 7500 Mädchen und Burschen lassen sich derzeit in Vorarlberg als Lehrlinge ausbilden, gut 100 mehr als im Vorjahr. Selbst Länder wie Bayern und Baden-Württemberg blicken neidisch auf diese Traumquote. Aber am Ziel ist Vorarlberg damit noch lange nicht.

„Wir wollen Vorarlberg zum Hotspot der Lehre in Europa machen“, betont AK-Präsident Hubert Hämmerle und fügt augenzwinkernd hinzu: „So eine Initiative ist wohl nur im Ländle möglich.“

Maßnahmenkatalog

In Vorarlberg gehen die Uhren anders. In puncto Lehre und Behebung des Facharbeitermangels ziehen Wirtschafts- und Arbeiterkammer an einem Strang. Gemeinsam verfolgen sie einen zehn Punkte umfassenden Maßnahmenkatalog, der auch vom Land mitgetragen wird. Nach und nach hilft das Programm, Defizite der Lehranfänger zu kompensieren und neue Qualitätsstandards zu setzen. Das macht die Lehre attraktiver. Die Ziele sind ehrgeizig: Bis 2025 soll das westlichste Bundesland Öster-
reichs der „Hotspot“ in Sachen Lehrausbildung werden. Die Initiative tut not, denn fast jeder zweite Betrieb kann Positionen in der Produktion nicht mit geeigneten Mitarbeitern besetzen. Facharbeiter sind Mangelware. Der erste Schritt war deshalb, den Jugendlichen die Wege zur dualen Ausbildung zu ebnen.

Übersicht schaffen

Gemeinsam haben AK, WK und Land deshalb heuer im Februar den Verein „Lehre in Vorarlberg“ gegründet. Auf einer virtuellen Plattform bündelt der Verein Projekte und Initiativen. Unterhaltsam und informativ stellt die Plattform digital 190 Lehrberufe zur Auswahl. 1800 Vorarl-berger Betriebe sind auf der Plattform vertreten. Denn „Lehre ist alles andere als eine Sackgasse“, betonen AK-Präsident Hubert Hämmerle und WK-Präsident Hans Peter Metzler unisono. „Sie offeriert allerbeste Chancen am Arbeitsmarkt.“

Kompetenzcheck

Ein weiterer Schritt ist der Kompetenzcheck zur Hälfte der Lehrzeit. Die Vorarlberger Elektro- und Metallindustrie VEM macht es lange schon vor. Ansonsten läuft die Lehre oft über drei oder vier Jahre hinweg, ohne, dass sich Lehrling und Ausbildner auf einen Zwischenstand stützen könnten. Das ist nicht sinnvoll. Die AK Vorarlberg kämpft deshalb hartnäckig für die Zwischenprüfung zur Hälfte der Lehrzeit auch in anderen Lehrberufen. Allmählich nimmt das Modell Fahrt auf. An der Landesberufsschule 3 (LBS) in Bregenz ist die Zwischenprüfung bereits fixer Bestandteil. „Die Teilnahme ist freiwillig“, so Direktor Klaus Trenker, „bisher haben aber bei uns 100 Prozent der Lehrlinge teilgenommen.“ Für den AK-Präsidenten ist diese Prüfung ein Schritt in die richtige Richtung, um die Qualität der Ausbildung sicherzustellen.

Beste Karrierechancen

Das freut auch die Eltern. Denn die wollen bekanntlich nur das Beste für ihre Kinder. Das ist nicht automatisch eine akademische Ausbildung. Obwohl noch immer viele Mütter und Väter es am liebs-ten sehen, wenn ihr Kind ein Gymnasium besucht und danach studiert. Das hat viel mit dem Image der Lehre zu tun, aber ganz wenig mit den realen Einkommens- und Karrieremöglichkeiten des Lehrberufs: Während im März 2019 die Arbeitslosigkeit bei Arbeitskräften mit Lehrausbildung um 10,2 Prozent gesunken ist, stieg sie bei Akademikern um 4,1 Prozent an. Im Gegensatz dazu suchen Unternehmen händeringend Jugendliche, die für eine Lehrstelle geeignet sind.

Fast gleicher Lebensverdienst

Geht man nach dem Lebensverdienst, ist das Studium auch finanziell lange nicht mehr so attraktiv wie einst. Nach neueren Berechnungen verdient ein Facharbeiter fast 200.000 Euro, bis ein TU-Absolvent in den Job einsteigt. Und der Lebensverdienst beträgt bei beiden rund 1,3 Million Euro.

Um die gut funktionierende Lehrausbildung in Vorarlberg beneiden uns viele. Grund genug, ständig weiter an ihr zu arbeiten.

Die Lehre im Aufwind? Dafür setzt sich AK-Präsident Hubert Hämmerle ohne Unterlass ein.Fotos: Jürgen Gorbach/AK
Die Lehre im Aufwind? Dafür setzt sich AK-Präsident Hubert Hämmerle ohne Unterlass ein.Fotos: Jürgen Gorbach/AK

Informationen

Arbeiterkammer und Wirtschaftskammer bieten gemeinsam im Internet unter www.lehre-vorarlberg.at
eine Entscheidungshilfe für angehende Lehrlinge an. Mit aktuell 1800 Unternehmen, 190 Lehrberufen und jeder Menge cooler Tipps.