Marlies Mohr

Kommentar

Marlies Mohr

Vom Jagen und Suchen

22.07.2016 • 08:09 Uhr / 2 Minuten Lesezeit

Die Welt steht in Flammen, und wir jagen Pokemons. „Würde sich etwas zum Besseren verändern, wenn wir es nicht täten?“, könnten Sie jetzt natürlich einwenden. Und Sie haben recht. Kein Despot, keine Terrormiliz und keine radikalisierten Gehirne scheren sich im Geringsten darum, ob die halbe Menschheit virtuellen Gestalten hinterherrennt oder nicht. Außer vielleicht in jenen Ländern, in denen sowieso alles verboten ist, was nicht auf Punkt und Beistrich der Staatsmeinung entspricht.

So gesehen dürfen wir vermutlich froh sein, dass hierzulande zwanglos nach Strichmännchen gejagt werden darf. Bedauerlicherweise wird andernorts und gar nicht weit weg ebenso zwanglos Jagd auf Menschen gemacht. Und es sind genau diese Diskrepanzen zwischen sogenannter heiler Welt und dem, was tatsächlich rund um uns und vor unseren Haustüren passiert, die bedenklich stimmen oder zumindest nachdenklich stimmen sollten.

Ich weiß schon, dieser Irrsinn, der sich wie ein Flächenbrand durch den Globus frisst, wird sich nicht abstellen lassen, nur weil wir uns darüber Gedanken machen. Wenn ihn schon die große Politik nicht einzudämmen vermag, wie soll es denn der einzelne Mensch schaffen? Reine Illusion! Ja, aber sie kann uns neben Demut auch lehren, die Dinge differenzierter zu betrachten und mit Begrifflichkeiten sorgfältiger umzugehen in einer Zeit, in der Monster bittere Realität sind. Pokemon kann man auch suchen, man muss sie nicht jagen. Denn bekanntlich können auch Worte Schwerter sein.

marlies.mohr@vorarlbergernachrichten.at