Auf Tuchfühlung mit der Laufstrecke

29.06.2019 • 14:00 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Der passionierte Läufer (Marathon, Berglauf etc.) Günter Schmid startete vor vier Jahren mit seiner „Barfußlaufkarriere“. VN/HP

Nackte Tatsachen: Barfußlaufen steigert Aufmerksamkeit und fördert Körpergefühl.

Heidemarie Netzer

Dornbirn Reif fürs Barfußlaufen? Eine Frage, die sich dieser Tage immer mehr Laufbegeisterte stellen. Denn das „Auf Tuchfühlung mit dem Boden Gehen“ rückt zusehends in den Lauffokus. Auf der Spurensuche nach der richtigen Technik trafen wir Laufprofi Günter Schmid aus Dornbirn, seines Zeichens Mitglied der LSG (Laufsportgemeinschaft Vorarlberg). Er beschäftigt sich schon seit vier Jahren mit diesem Laufstil, der nicht nur mehr Bewegungsgefühl, eine gestärkte Muskulatur und eine gesteigerte Laufleistung verspricht, sondern und vor allem den Körper sprichwörtlich aufrichtet.

Das Wie ist entscheidend

Voraussetzung dafür ist aber nicht die Frage, ob man Barfußlaufen kann oder nicht, vielmehr steht das Wie im Vordergrund. Unbestritten ist, dass dieser Laufstil der natürlichste von allen ist. „Wer seinen Fuß mit Schuhen umgibt, bewegt sich automatisch anders“, bringt Günter Schmid die Tatsache auf den Punkt, dass man dann schwerpunktmäßig auf der Ferse auftritt. Barfußläufer oder Läufer mit sogenannten Minimalschuhen (Barfußschuhe) hingegen tendieren auf dem Vor- bzw. Mittelfuß zu landen. Eine Tatsache, die vor allem der fehlenden Schutzfunktion der Schuhe geschuldet ist. Denn im Bewusstsein, dass der Untergrund geschützt betreten wird, wird die Aufmerksamkeit auf diesen vermindert und gleichzeitig die neuronale Stimulation und somit das Laufverhalten verändert.

„Barfußlaufen heißt vor allem
sich bewusst und natürlich zu bewegen.“

Günter Schmid, Laufprofi

Komplexes Konstrukt

Doch ist mein Fuß bestehend aus 30 Knochen, beinahe 30 Gelenken, 60 Muskeln, mehr als 100 Bändern und 200 Sehnen überhaupt geeignet, sich den nackten Tatsachen auszusetzen? „Mit der richtigen Technik auf jeden Fall“, sagt Schmid und spricht dabei von flexibler Achillessehne, sicherem Stand und gemittetem Körperschwerpunkt. „Bei der Umstellung aufs Barfußlaufen oder Laufen mit Minimalschuhen sind gerade diese drei Komponenten gefordert“, sagt er und zeigt es auch gleich in der Natur vor.
Klar, diese Art zu laufen ist gewöhnungsbedürftig, ja anfangs ein wenig sonderbar anzuschauen. Einem Anschleichen gleich, setzt der Laufprofi einen Fuß vor den anderen. Seine Minimalschuhe sind dabei mit Noppen ausgestattet, die jeden Auftritt dämpfen und doch die absolute Sensibilität für den Untergrund zulassen. „Man merkt jedes Steinchen, jede Wurzel, jede Unebenheit“, bringt Günter Schmid das bloße Gefühl auf den Punkt.
Feuer gefangen für das Barfußlaufen hatte er Anfang 2010 mit dem Buch „Born to run“ und vor allem, weil er seiner Gesundheit zuträglich agieren wollte. Denn allzu oft hatte er schon von Problemen mit Sehnen, Bändern und Co. in Läuferkreisen gehört und auch am eigenen Leib gespürt. So kam es dann auch, dass er sich vor vier Jahren, erstmals bloßfüßig, na gut, mit sogenannten Barfußschuhen, auf den Weg machte. „Vorerst nur eine halbe Stunde pro Woche“, erinnert er sich, gerade auch an die anfänglichen Muskelkater, die er trotz regelmäßigen Lauftrainings dann doch spürte. „Ein Umstand, der auf der Beanspruchung anderer Muskeln basiert“, weiß er.

Gezielte Vorbereitung

Daher standen mit der Neuorientierung auch begleitende „Trockenübungen“ auf seinem Programm: Der Einbeinstand, gezielte Übungen für die separate Beweglichkeit jedes einzelnen Zehs, die tiefe Hocke für eine gestreckte Achillessehne sowie das Abrollen des Fußes entlang eines Tennisballes begleiteten ihn in den kommenden Wochen und Monaten – und auch heute noch – täglich.
Zeitgleich steigerten sich langsam die Barfußlaufeinheiten. Nach einem halben Jahr war er soweit, dass er schon ein bis zwei Stunden in diesem Sinne unterwegs sein konnte, ohne schmerzliche muskuläre Nebenerscheinungen.
Heute greift der passionierte Läufer abwechselnd zum Profi- oder Minimallaufschuh. „50 zu 50 Prozent“, sagt Schmid und nennt dabei sein wöchentliches Laufpensum von plus/minus 70 Kilometern. Kein Wunder, der Programmierer will fit sein. Denn gerade auch im Rahmen seines aktiven Tuns in der Laufsportgemeinschaft bestreitet er regelmäßig größere nationale und internationale Challenges, übrigens im Tal und auch auf den Berg, wie schon bei einer mehrtägigen Alpenüberquerung per pedes. Auf seinem Erfolgsregister stehen auch bestrittene Marathonläufe – Unterfangen, die er jedoch in bewährter Manier in gedämpften Qualitätsschuhen bestreitet.

trockentraining fürs barfusslaufen

Einbeinstand

Verteilen Sie Ihr Gewicht gleichmäßig auf Vor- und Rückfuß. Nun heben Sie abwechselnd die Beine an und halten die Position jeweils für 30 Sekunden. Zur Steigerung werfen Sie einen Ball in die Höhe und fangen diesen wieder oder lassen Sie sich diesen im Einbeinstand zuwerfen.

Beweglichkeit der Zehen

Am Anfang steht die Fähigkeit, den Großzehen kontrolliert zu bewegen: Stellen Sie Ihren Fuß flach auf den Boden und legen ein Lineal unter Ihren Großzehen. Nun heben Sie diesen mit dem Lineal an und drücken ab einem Winkel von 60 Grad mit dem Zeh dagegen. Versuchen Sie dann, den großen Zeh ohne Hilfsmittel, und ohne dass sich die anderen Zehen mitbewegen, vom Boden abzuheben.

Fußreflexzonen

Legen Sie unter Ihren Fuß einen Ball in der Größe eines Tennisballes. Nun lassen Sie Ihren Fuß abwechselnd den Ball mittig entlanggleiten, üben Sie dabei einen leichten Druck auf den Ball aus. Diese Übung belebt Ihre Fußreflexzonen.

Hocke

Wieder stellen Sie Ihren Fuß flach auf den Boden. Nun gehen Sie in eine tiefe Hocke – die Knie sind im Gegensatz zur Skifahrerhocke nicht nur im rechten Winkel gebeugt, vielmehr sollte die Hocke entspannt beinahe einen 180 Grad Winkel erreichen, das Gesäß berührt dabei fast den Boden, der Fuß bleibt großflächig auf dem Boden.

Zur Person

Günter Schmid

läuft schon seit seiner Schulzeit. 2011 wurde er Mitglied der Laufgemeinschaft Vorarlberg und bestreitet seither regelmäßig Wettbewerbe; im Jahr 2015 startete er seine Barfußlauf-Karriere.

Beruf Programmierer

Geboren 1962

Wohnort Dornbirn, direkt an unzähligen Laufstrecken

Familie verheiratet, 2 Kinder

Hobbys Laufen, Gitarre spielen