Facetten der Spitzenforschung

Gesund / 24.01.2020 • 08:58 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Moderne medizinische Spitzenforschung hat die Möglichkeiten der Gesundheitserhaltung und die Qualität der Krankheitsdiagnostik und -behandlung in rasantem Tempo auf ein großartiges und vertrauenswürdiges Niveau gehoben. Fast alle Menschen, vor allem in den reichen Ländern, profitieren von diesen Fortschritten: Vom Hörgerät bis zur Or­gantransplantation und Heilung einst tödlicher Krankheiten bis hin zur Lebensqualität.

Die derzeit häufigen, sehr kritischen journalistischen Fragen an die Mitglieder der neuen Bundesregierung, die wahrscheinlich in unserer Bevölkerung eine relativ breite Zustimmung genießt, animieren auch mich trotz der vielen positiven Aspekte der modernen Medizin, eine kleine Facette am Beispiel der Ernährungsforschung kritisch zu beleuchten.

Über die Bedeutung der Ernährung für unsere Gesundheit wird kaum kontroversiell diskutiert. Man schien sich relativ einig zu sein, bis Anfang Oktober 2019 neue Arbeiten erschienen: Es gibt kaum belastbare Belege dafür, Erwachsenen zu raten, ihren Fleischkonsum zu reduzieren. Die Forscher können keine klaren Hinweise finden, dass weniger Fleisch zu weniger Herzkreislauf­erkrankungen und weniger Krebs führt.

Schon einige Tage vor Erscheinen dieses Medizinjournals haben über 2000 Mails die Redaktion lahmgelegt. Es wurde versucht, die Veröffentlichung dieser Forschung zu verhindern. Die Chefredakteurin berichtet, dass sie bereits mehrfach indirekt Artikel gegen die amerikanische Waffenlobby veröffentlicht hat. Deren Reaktionen seien nicht so heftig und ätzend ausgefallen wie die Interventionen von Top­ernährungswissenschaftlern: „Ich kann verstehen, dass es ärgerlich ist, wenn die Grenzen ihrer Arbeit aufgedeckt und offen diskutiert werden“, sagte die verantwortliche Chefredakteurin der „Annals of Internal Medicine“, Christine Laine, später in einem Interview.

Recherchen haben gezeigt, dass diese heftige Kritik in erster Linie von einer Organisation gekommen ist. Die führenden Vertreter dieser Organisation, alles renommierte Wissenschaftler, haben Beziehungen zur Nahrungsmittelindustrie mit der Empfehlung einer pflanzlichen Ernährung. Man fühlt sich hier sehr stark an die Einflussnahme der Tabak- und Zuckerindustrie erinnert. Über Jahrzehnte wurde versucht, wissenschaftliche Ergebnisse falsch zu interpretieren. Diese Diskussion hat übrigens nichts zu tun mit den Klimaüberlegungen, die empfehlen, weniger Fleisch zu konsumieren.

Zugegeben, Ernährungsstudien sind außerordentlich schwierig und können zu unterschiedlichen Ergebnissen führen. Es ist praktisch unmöglich, eine große Anzahl von Menschen mit einheitlichen gleichbleibenden Ernährungsgewohnheiten über lange Zeit zu dokumentieren. Erst Jahre später sollte dann der Einfluss auf Krankheitswahrscheinlichkeiten nachgewiesen werden, was schwierig ist. In der Wissenschaftswelt hat es auf diesen Vorfall zahllose Reaktionen gegeben. Drastisch hat es John Ioanidis von der Stanford University School of Medicine, formuliert: „Das Feld braucht radikale Reformen.“

„Die Wissenschaft schafft Wissen, das wiederholt kritisch überprüft werden muss. Eine wichtige Forderung ist Freiheit, Transparenz und Unabhängigkeit der Forschung.“

Hans Concin

hans.concin@vn.at

Prim. a. D. Dr. Hans Concin, Vizepräsident aks Verein