Suche nach der eigenen Identität

Gesund / 09.04.2021 • 11:59 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Veronika Geiger initiierte Selbsthilfegruppe für „Adoptierte Erwachsene“.

DORNBIRN Im Normalfall werden Kinder in eine Familie hineingeboren und wachsen dort geliebt, unterstützt und gebunden auf. Sie wissen, wohin sie gehören. Bei Adoptivkindern gibt es einen Bruch im Lebenslauf. Veronika Geiger, Mutter von zwei leiblichen Kindern, zwei Adoptivkindern und einem Pflegekind, weiß um die Auswirkungen einer Adoption.

 

Warum haben Sie eine Selbsthilfegruppe für adoptierte Kinder initiiert?

GEIGER Bei verschiedenen Treffen mit anderen Adoptivfamilien habe ich erlebt, dass es Kinder und Jugendliche entlastet, wenn sie sehen, dass es auch andere Adoptierte gibt. Zudem entstand der Wunsch von Jugendlichen nach einem Austausch mit anderen Betroffenen.

 

Haben Ihre Erfahrungen als Adoptivmutter dabei eine Rolle gespielt?

GEIGER Ja, auch durch meine Adoptivkinder habe ich erlebt, dass es hilfreich sein kann, sich mit anderen Adoptierten zu treffen und auszutauschen. Ein Pflegekind kennt meistens seine Herkunft oder hat im besten Fall sogar Kontakt zu einem Elternteil. Trotzdem sind die Themen sehr ähnlich.

 

Eine Adoption bedeutet für ein Kind die Erfahrung, nicht gewünscht zu sein. Kann dieses Erleben von Ablehnung aufgearbeitet werden?

GEIGER Ich denke schon, weil man mittlerweile weiß, was hilfreich ist: offen sein und das Gespräch suchen; eine wertschätzende innere Haltung zur Herkunftsfamilie; Biografiearbeit; Unterstützung bei der Identitätsentwicklung; Verständnis für den Autonomiekampf des Kindes; die Selbstheilungskräfte im Kind unterstützen. Es geht darum, dem Kummer seine Berechtigung und seinen Platz im Leben zu geben.

 

Welche Probleme können für Betroffene dadurch entstehen?

GEIGER Es fehlt ihnen die Sicherheit im Leben, sie sind leichter angreifbar, irritierbar. Sie können sich schwerer tun, Gefühle richtig einzuordnen und haben unter Umständen mehr Schwierigkeiten in Beziehungs- und Trennungssituationen. Selbstwertprobleme treten vermehrt auf, und es kann auch sein, dass sie sich nicht wirklich zugehörig fühlen.

 

Adoptivkinder begeben sich vielfach als Erwachsene auf Spurensuche. Wie nehmen Sie diesen Prozess wahr?

GEIGER Das ist ein wichtiger, richtiger und legitimer Wunsch, weil es hier ja auch um Identität geht, es kommen Fragen auf, wie: Gleiche ich meinen Eltern? Von wem habe ich welche Eigenschaften, mein Aussehen und vieles mehr. Es ist ein Prozess, in dem die Betroffenen das Tempo bestimmen und die Adoptiveltern sie im besten Fall maximal unterstützen. Für Auslandsadoptierte ist dies sehr schwierig, aber auch für Inlandsadoptierte manchmal nicht möglich, weil etwa ein Baby in die Babyklappe gegeben wurde oder eine anonyme Geburt stattfand. Es ist jedoch wunderbar, wenn es trotzdem klappt. Es ist auf alle Fälle hilfreich, wenn man mehr über sich erfährt und im Idealfall ein guter Kontakt entsteht.

 

In welchem Alter entsteht das Interesse an der eigenen Herkunft?

GEIGER Mit circa vier bis fünf Jahren entwickelt sich das Interesse an der eigenen Herkunft, das ist aber auch abhängig davon, wie offen Adoptiveltern mit dieser Thematik umgehen. In der Pubertät verstärkt sich der Wunsch nach Informationen nochmals. Jeder Mensch hat ein Interesse an seiner Lebensgeschichte.

 

Was kann hilfreich sein, um sich mit der Vergangenheit auszusöhnen?

GEIGER Gut ist, sich mit der eigenen Vergangenheit auseinanderzusetzen und zu beschäftigen. Bestenfalls mit achtsamen verlässlichen Bezugspersonen, und zwar schon sehr früh. Ich kann die Vergangenheit nicht ändern. Aber ich kann die Gegenwart und die Zukunft gestalten. BI

Zur Person

VERONIKA GEIGER

Familie verheiratet

Wohnort Dornbirn

Beruf Gesundheits-und Krankenschwester

Hobbys Lesen, Garten, Engagement für Andere

Lebensmotto Weil es mir gutgeht, möchte ich auch etwas weitergeben.

Treffen jeden letzten Dienstag im Monat um 19.30 Uhr bei der Selbsthilfe Vorarlberg in der Schlachthausstraße 7C (1.OG) in Dornbirn. Veronika Geiger: Tel. 0650/2413800