Das „Mutter sein“ im Wandel der Gesellschaft

HE_Brege / 27.04.2022 • 12:29 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Heute werden Mütter oft als „Working Mum“ bezeichnet, die allen Ansprüchen gerecht werden müssen.shutterstock
Heute werden Mütter oft als „Working Mum“ bezeichnet, die allen Ansprüchen gerecht werden müssen.shutterstock

Über die Jahrhunderte änderte sich die Rolle der Mutter immer wieder. Lange Zeit bestand sie darin, Nachwuchs zu zeugen.

historie Im alten Griechenland, aber auch bei den alten Römern und im Mittelalter hielt man von mütterlichen Gefühlen nicht viel. So mussten in der Antike Neugeborene kurz nach der Geburt dem Patriarchen, also dem Vater, zur Begutachtung präsentiert werden, der dann nach Augenmaß über Leben oder Tod entschied. War das Kind nicht „lebenswert“ – was meist bei Töchtern der Fall war – wurde es einfach seinem Schicksal überlassen. Wahre Liebe gab es ohnehin nur unter Männern. Davon waren die Griechen jedenfalls überzeugt.

Keine Zeit für Muttergefühle

Im alten Rom waren Frauen „Mater Familia“. Sie sollte vor allem die Kinder erziehen, die Sklaven beaufsichtigen, weben und nähen. Im Mittelalter waren Frauen in erster Linie dazu da, möglichst viel Nachwuchs zu „produzieren“. Viele Kinder starben bereits als Säugling oder als Kleinkind, da es an Hygiene mangelte, ihre Ernährung unzureichend war und viele Krankheiten mangels Medikamente tödlich verliefen. Zeit, um Muttergefühle zu entwickeln, gab es ohnehin nicht. Die Mütter waren mit der Arbeit auf dem Hof, im Garten und im Haushalt voll ausgelastet und somit hatten sie kaum Zeit für die Belange der Kinder. Ältere Kinder wurden als Handlanger bzw. Arbeitskräfte gesehen – erbrachten sie nicht genügend „ökonomischen Nutzen“ oder gehorchten sie nicht, wurden sie gezüchtigt. Ihre Ausbildung und Erziehung wurden vom Vater oder von anderen autoritären Personen übernommen.

Erst ab Ende des 17. Jahrhunderts bekam das Kind langsam einen anderen Stellenwert. Es wurde als Individuum gesehen, das für Unschuld steht und das eine behütete und richtige Erziehung braucht, um einen guten Menschen aus ihm zu machen. Zunächst war dies natürlich besonders in adeligen Kreisen ausgeprägt. Das arbeitende Volk hatte keinen Zugang zur Bildung. Das änderte sich erst mit der Einführung der Schulpflicht. In Österreich wurde diese 1774 durch Kaiserin Maria Theresia eingeführt. Sie umfasste zunächst sechs Jahre.

Doch zurück zu den Müttern. Im Bildungsbürgertum des 19. Jahrhunderts spielten sie eine zentrale Rolle in der Erziehung des Kindes. Das Konzept der „Mutterliebe“ fand eine weite Verbreitung; „Mütterlichkeit wurde zu einer der Frau eigenen, besonderen Fähigkeit“, schreibt Autor Dr. Martin R. Textor in seiner Abhandlung „Historische und interkulturelle Variabilität von Mutterschaft“. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde die Mutterschaft immer mehr „verwissenschaftlicht“. Müttern wurde vermehrt nahegelegt, von Experten empfohlene Erziehungsmaßnahmen zu befolgen. Es entstanden die ersten Elternberatungsstellen.

Gleichstellung der Geschlechter

In der NS-Zeit galten gebärfähige Mütter, die viele Kinder in die Welt setzten, als hoch angesehene Personen. Sie wurden mit dem Mutterkreuz geehrt. Martin R. Textor: „Die Gleichstellung der Geschlechter und die Berufstätigkeit von Frauen wurden vor allem von den sozialistischen Ländern forciert. Hier wurden rasch bedarfsgerechte Kinderbetreuungsangebote geschaffen, sodass sich Mutterschaft und Beruf gut miteinander vereinbaren ließen. Dementsprechend waren fast alle Mütter voll erwerbstätig, war der Beruf neben der Mutterschaft ein zentraler Bestandteil ihrer Identität.“ Heutzutage wollen bzw. müssen „Workings Mums“ allen Ansprüchen gerecht werden.