Industrialisierung im Vorderland: Vom Nebenerwerb zur Kleinindustrie

Heimat / 05.06.2026 • 15:08 Uhr
Sulz-Röthis mit der Fabrik Fries um 1960. Foto Gemeindearchiv Sulz
Sulz-Röthis mit der Fabrik Fries um 1960. gemeindearchiv sulz

Vorderland: vom agrarisch geprägten Raum zum Standort kleiner Industriebetriebe.

Röthis Die Gemeinden des sogenannten Vorderlandes nördlich von Rankweil sind historisch eng miteinander verflochten. Erst nach dem Ende der bayerischen Verwaltung Anfang des 19. Jahrhunderts wurden sie eigenständige politische Gemeinden. Besonders Röthis war traditionell durch Landwirtschaft, aber auch durch die Nutzung der Wasserkraft geprägt. Entlang zahlreicher Bäche entstanden Triftanlagen, die die Holzwirtschaft unterstützten und damit einen frühen wirtschaftlichen Grundpfeiler bildeten. Wie im gesamten Rheintal entwickelte sich auch im Vorderland im Laufe des 19. Jahrhunderts die textile Heimarbeit zu einem wichtigen Nebenerwerb. Besonders in Klaus und Weiler war die Heimstickerei gegen Ende des Jahrhunderts stark verbreitet und prägte die soziale und wirtschaftliche Struktur der Bevölkerung nachhaltig. Diese Entwicklung führte auch dazu, dass sich in einzelnen Orten erste infrastrukturelle Einrichtungen ansiedelten. So erhielt Weiler etwa eine Poststation, was auf die wachsende wirtschaftliche Bedeutung des Ortes hinweist.

Ehemalige Stickerei Ritter 2013 Foto Böhringer
Ehemalige Stickerei Ritter 2013. Böhringer

Wenig Großindustrie

Im Gegensatz zu anderen Regionen des Rheintals blieb die großindustrielle Entwicklung im Vorderland jedoch vergleichsweise begrenzt. Neben Rankweil entstand nur in Sulz mit der Papierhülsenfabrik Fries ein bedeutenderer Industriebetrieb. In Weiler selbst ist die Stickereifabrik Ritter hervorzuheben, die 1903 und 1904 von Albert und Ludwig Ritter errichtet wurde. Bis nach dem Ersten Weltkrieg wurden dort bis zu zwölf Arbeiter beschäftigt, womit der Betrieb zu den größeren Arbeitgebern der Region zählte. In der Zwischenkriegszeit kam es zu mehreren Eigentümerwechseln. Otto Müller richtete eine Seidenweberei für Schirmstoffe ein, ehe das Dornbirner Großunternehmen J. M. Fussenegger das Werk 1940 übernahm. Ab den 1960er-Jahren wurde das Areal von einem Maschinenbauunternehmen genutzt.

Stickereikrise

Ein weiterer bedeutender Betrieb war die Seidenspinnerei Weiler, die bereits 1876 gegründet wurde und bis zu einem Brand im Jahr 1914 in Betrieb stand. Der Strukturwandel in der Textilindustrie zeigte sich besonders deutlich nach der sogenannten Stickereikrise vor dem Ersten Weltkrieg. Viele Handstrickmaschinen wurden in dieser Zeit verschrottet, und die vormals weit verbreitete Heimarbeit ging stark zurück. Dennoch existierten 1926 noch elf mittlere Strickereibetriebe im Vorderland. Nach dem Zweiten Weltkrieg verschwand dieser Wirtschaftszweig nahezu vollständig. Da die Produktion meist in kleinen, an Wohnhäuser angegliederten Werkstätten stattfand, hinterließ die Heimindustrie nur wenige sichtbare bauliche Spuren. Viele dieser Anbauten wurden im Laufe der Zeit umgebaut oder gänzlich beseitigt. Dennoch blieb die Region auch nach der Industrialisierungswelle um 1900 wirtschaftlich im Wandel und entwickelte sich nach 1945 zu einem Standort für mittelständische Betriebe. Damit zeigt das Vorderland exemplarisch einen Industrialisierungsprozess im kleinräumigen Maßstab: geprägt von Heimarbeit, vereinzelten Fabriken und einem späteren Strukturwandel hin zu moderner Gewerbeansiedlung.