Vom „ghöriga Lausbua“ zur Stimme für Gerechtigkeit

Bertram Jäger war Politiker, Familienmensch und einer, der mit einem Rucksack voller Fußbälle nach Äthiopien reiste.
Von Bianca Burger
Bludenz Wenn die Familie von Bertram Jäger erzählt, beginnt sie nicht mit seinen Ämtern. Nicht mit dem Landtagspräsidenten, dem Arbeiterkammerpräsidenten oder dem Politiker, der über Jahrzehnte die Politik Vorarlbergs entscheidend mitbestimmte. Sie erzählt von einem Papa, einem Opa, einem Uropa, einem Ehemann, von einem, der das Gute im Menschen sehen wollte und der sich nicht damit abfinden konnte, wenn jemand ungerecht behandelt wurde.

Schon in jungen Jahren wurde er als lebhaft, neugierig und humorvoll charakterisiert – ein „ghöriga Lausbua“ mit einem schlauen Kopf und einem ausgeprägten Ehrgefühl. Einer, der gerne lachte, reimte, Geschichten erzählte und dem es schwerfiel „sein feuriges Zünglein in seiner Gewalt zu haben“, wie es der damalige Pfarrer beschrieb. Dieses feurige Zünglein wurde später zu einer Stimme für Gerechtigkeit.

Sein Elternhaus und die Erfahrungen des Krieges schärften früh seinen Blick dafür, wie wertvoll Freiheit, Zusammenhalt und Menschlichkeit sind. Die christliche Soziallehre wurde mit ihrem Blick auf den Menschen und die Verantwortung füreinander zu einem Leitbild seines Lebens. Demut, Respekt und die Überzeugung von der Würde jedes Menschen prägten sein privates wie sein öffentliches Wirken.

Doch hinter all seinen Ämtern, stand für Bertram nie die Macht, sondern die Verantwortung gegenüber den Menschen. Er war überzeugt: Wegschauen ist keine Lösung. „Wer bei Unrecht wegschaut, macht sich schuldig“, sagte er.

Viele suchten seinen Rat, Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, Familien und Menschen in schwierigen Lebenssituationen. Er hörte zu, nahm Anteil und versuchte zu helfen. Sein Maßstab war dabei nie der eigene Vorteil, sondern das Gemeinwohl.

Auch nach seiner politischen Tätigkeit blieb er diesem Grundsatz treu. Als Vizepräsident von Special Olympics Österreich setzte er sich jahrelang für Menschen mit Behinderungen ein. Die Begegnungen mit den Athletinnen und Athleten empfand er dabei stets als „etwas Wunderbares”. Als Obmann der Freundschaftsgesellschaft Vorarlberg–Albanien, als Vorstandsmitglied von CARE Österreich und als Unterstützer von Schulprojekten in verschiedenen Ländern führte ihn sein Engagement dorthin, wo seine Hilfe gebraucht wurde.

Nach Äthiopien reiste er mit einem Rucksack voller Fußbälle und spielte mit den Kindern auf dem Schulhof. Der Sport begleitete ihn ein Leben lang. Wandern, Bergsteigen und Krafttraining waren Ausdruck seiner Freude an Bewegung und seinem Bestreben, gut auf sich zu achten. Aber besonders der Fußball blieb eine große Leidenschaft. Als Torhüter von Rätia Bludenz und der Landesauswahl war er legendär. Trotzdem war ihm die Gemeinschaft immer wichtiger als der Erfolg. Auf die Frage eines Kindes, ob er lieber als Politiker oder als Fußballer in Erinnerung bleiben wolle, antwortete er mit einem Augenzwinkern: „Als Fußballer.“

Auch wenn sein Beruf viel Zeit beanspruchte und wenig Zeit für die Familie blieb, war sie sein wichtigster Rückhalt. Gemeinsam mit seiner Leni, die ihm fast sieben Jahrzehnte den Rücken freihielt und ihm den Raum gab, seine Aufgaben wahrzunehmen, gründete er eine große Familie mit sechs Kindern.
Als Vater hatte Bertram klare Werte, die er mit liebevoller Konsequenz vertrat. Er erzog seine Kinder zur Selbstständigkeit, gab ihnen Freiheiten und ließ sie ihre eigenen Wege gehen. Doch eines wussten sie immer: Die Tür nach Hause steht jederzeit offen.

Diese Sicherheit spürten später auch seine 16 Enkelkinder und vier Urenkel, deren Nähe Bertram so viel bedeutete. Er wechselte Windeln, las Gutenachtgeschichten vor und schob jahrzehntelang Kinderwagen durch Bludenz. Wenn sie heute an ihren Opa denken, haben sie sofort dasselbe Bild vor Augen: Bertram sitzt in seinem Büro oder im Wohnzimmer, ein Buch oder mehrere Zeitungen vor sich, Notizen machend und interessiert an dem, was in der Welt geschieht. Seine Neugier und sein Interesse an gesellschaftlichen Entwicklungen begleiteten ihn bis ins hohe Alter. Stillstand war für ihn keine Option.
Wenn die Technik doch einmal zur Herausforderung wurde, war eines der Enkelkinder zur Stelle, um bei Computer oder Smartphone helfen. Für sie war es dabei etwas Besonderes, einem so klugen und erfahrenen Mann etwas erklären zu können.
Und wenn es darum ging, was von ihm bleiben sollte, hatte Bertram eine klare Antwort. Auf die Frage seiner Tochter, wie er einmal in Erinnerung bleiben möchte, sagte er: als Mensch, der sich bemüht hat, möglichst vielen Menschen zu helfen und Gutes zu tun.
Vielleicht beschreiben genau diese Worte auch, was Bertram Jäger für seine Familie – und vielleicht auch manch anderen – gewesen ist: ein Mensch, an dem sie sich orientieren konnten, jemand, der Halt und Richtung gab. Oder, um es mit den Worten seiner Enkel zu sagen: „Einen besseren Wegweiser hätte man sich nicht wünschen können.“

Begleitet durch: Espera Bestattungshaus
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