Veranda mit Haus

Immo / 21.07.2016 • 14:19 Uhr / 6 Minuten Lesezeit

Zwei schlichte Baukörper im Dornbirner Stadtteil Haselstauden entpuppen sich als atmosphärisch dichte Räume mit spannendem Innenleben. In einem der Gebäude arbeitet Buchgestalter Kurt Dornig an hochwertigen Publikationen, im anderen ist der Alltag des Bauherrenpaares zu Hause. Autorin: Verena Konrad | Fotos: Darko Todorovic

as brauchst du?“, fragt die österreichische Schriftstellerin und Lyrikerin Friederike Mayröcker in einem Gedicht für Heinz Lunzer. „einen Baum ein Haus zu / ermessen wie groß wie klein das Leben als Mensch / wie groß wie klein wenn du aufblickst zur Krone / dich verlierst in grüner üppiger Schönheit / wie groß wie klein bedenkst du wie kurz / dein Leben vergleichst du es mit dem Leben der Bäume / du brauchst einen Baum du brauchst ein Haus / keines für dich allein nur einen Winkel ein Dach / zu sitzen zu denken zu schlafen zu träumen / zu schreiben zu schweigen zu sehen den Freund / die Gestirne das Gras die Blume den Himmel.“ So ähnlich muss das Briefing der Bauherren Kurt und Silvia Dornig an das Architekturbüro von Marika Marte und Rainer Huchler geklungen haben. Nur ein Winkel, ein Dach – oder anders: „Eine Veranda mit Haus rundherum“. Eine grüne Oase, umgeben von einfachen, gar nicht großen, doch atmosphärisch guten Räumen – die offen sind für Familie, für Freunde, für Gespräche bei einem guten Glas Wein. Ein Ort, gemacht für feinsinnige Menschen, die viel brauchen, aber nicht vieles.

Nach ersten Wohnerfahrungen in einem Loft, wollten die Bauherren im selbst errichteten Eigenheim weiterhin offene, aber zonierte Räume. „Es sollte funktional abgeschlossene Bereiche im Wohnraum geben, für Rückzug oder konzentriertes Arbeiten. Der professionelle Arbeitsplatz des Buchgestalters Kurt Dornig wurde auf gleichem Grundstück und Teil des Gebäude-Garten-Ensembles, aber als getrennter Baukörper mit separatem Eingang angelegt. „Das war mir wichtig. Ich gehe morgens aus dem Haus und die wenigen Meter zum Atelier genügen, um mich auf die Arbeitssituation einzustellen. Meine Auftraggeber besuchen mich in einer professionellen, konzentrierten und ruhigen Arbeitsatmosphäre. Und wenn ich am Abend die Türe schließe, lasse ich die Arbeit hinter mir.“

„Die Stellung der Baukörper ergab sich durch das Grundstück“, erklärt Architekt Rainer Huchler. „Wir haben versucht, das Grundstück maximal auszunutzen unter Einhaltung der vorgeschriebenen Abstände“. Der Gartenbereich liegt geschützt im Inneren. Die Fassade der beiden Bauten ist zu einer vielbefahrenen Straße im Dornbirner Stadtteil Haselstauden orientiert. Ringsherum eingebettet in eine kleinteilige Siedlungsstruktur, sind die Bauten eingeschoßig konzipiert. „Das kann man natürlich auch kritisch sehen. Wir haben uns zwar auf dem Grundstück ausgebreitet, dafür aber beim Wohnraum selbst an Fläche gespart und durch die Mehrfachnutzung als Arbeits- und Wohnort auch einen Beitrag geleistet für die gesamte Siedlungsumgebung.“ Für die gewerbliche Nutzung entschied sich das Bauherrenpaar, die Fassade zu bearbeiten. Die Holzfassade des Wohngebäudes blieb unbehandelt. „Wir wollten, dass es einen wahrnehmbaren Unterschied zwischen den Gebäuden gibt.“

Zentraler Innenraum des Ensembles ist der Garten mit einer ausladenden Veranda, um die herum sich die einzelnen Räume mit ihren Funktionen gruppieren. Im Inneren wurde der Raum optimal genutzt. „Wir haben keinen Meter Gangfläche. Wenn eine Tür geschlossen wird, wird der Gang zum Teil des Raumes.“ Zur Gestaltung dieser Sichtachse entschieden sich die Bauherren für bewusste Unterbrechung der schlichten Atmosphäre durch punktuelle Farbigkeit an den Wänden. „Für uns eine sehr behagliche Situation, die besondere Lichtstimmungen zulässt.“

Veranda, Garten, Haus und Atelier rundherum: Das Konzept ist aufgegangen. „Wir leben hier nun schon zehn Jahre und fühlen uns noch immer sehr wohl.“

Wir wollten eine Veranda mit Haus rundherum.

Zwei Baukörper, zwei Funktionen Wohnen und Arbeiten sind getrennt, aber räumlich präsent.

Zwei Baukörper, zwei Funktionen Wohnen und Arbeiten sind getrennt, aber räumlich präsent.

Nur ein Winkel, ein Dach. Architekt Rainer Huchler mit Bauherr und Buchgestalter Kurt Dornig und vai-Direktorin Verena Konrad.

Nur ein Winkel, ein Dach. Architekt Rainer Huchler mit Bauherr und Buchgestalter Kurt Dornig und vai-Direktorin Verena Konrad.

Wie im Süden. Die Veranda ist ein hochwertiger Raum im Sommer. Bewegliche Panele spenden Schatten und Wetterschutz, dort wo er gebraucht wird.

Wie im Süden.
Die Veranda ist ein hochwertiger Raum im Sommer. Bewegliche Panele spenden Schatten und Wetterschutz, dort wo er gebraucht wird.

Enfilade nennt man die Raumflucht im Barock. Aufgefädelte Räume, bei denen sich durch die exakte Anordnung der Türöffnungen eine gerade Sichtachse von einem Raum zum nächsten ergibt.

Enfilade nennt man die Raumflucht im Barock. Aufgefädelte Räume, bei denen sich durch die exakte Anordnung der Türöffnungen eine gerade Sichtachse von einem Raum zum nächsten ergibt.

Maximale Raumnutzung durch integrierte Gang-flächen. Beim Schließen der Tür wird der schmale Gehstreifen Teil des Raumes.

Maximale Raumnutzung durch integrierte Gang-
flächen. Beim Schließen der Tür wird der schmale Gehstreifen Teil des Raumes.

Auch für das Badezimmer wählten die Bauherren farbige Wände – als bewusste Unterbrechung der Raumfluchten.

Auch für das Badezimmer wählten die Bauherren farbige Wände – als bewusste Unterbrechung der Raumfluchten.

Hinter dem Haus ein Stück Nutzfläche für Gemüse-anbau und Geräte.

Hinter dem Haus ein Stück Nutzfläche für Gemüse-
anbau und Geräte.

Opulente Vegetation, schlichter Bau eingeschoßig umschließen die beiden Gebäude in L- und I- Form den Garten.

Opulente Vegetation, schlichter Bau eingeschoßig umschließen die beiden Gebäude in L- und I- Form den Garten.

Wohnhöhle mit viel Lesestoff, Kunst und behaglicher Atmosphäre.

Wohnhöhle mit viel Lesestoff, Kunst und behaglicher Atmosphäre.