Marienberg

06.04.2017 • 07:58 Uhr / 7 Minuten Lesezeit

Bregenz. Lange Zeit wurde an der ehemals klösterlich geführten Schule am Bregenzer Marienberg baulich nichts verändert. Mangels Nachwuchs bei den Dominikanerinnen war die Zukunft ungewiss. Mit dem Erweiterungsbau setzt der Schulträgerverein nun einen kräftigen Impuls zur weiteren Entwicklung. Autor: Tobias Hagleitner | Fotos: Benno Hagleitner

ie Schule am Marienberg in Bregenz ist über viele Jahrzehnte gewachsen. „Es ist wie eine Dorfstraße, an der nach und nach die Gebäude entstanden sind“, beschreibt Projektarchitektin Sabine Leins von Fink Thurnher Architekten die städtebauliche Situation. Dieses „Dorf“ war in den letzten Jahren zu klein geworden, denn neben den vier Zweigen der angestammten HLW gehören seit 2012 auch eine Volksschule und seit 2014 eine Mittelschule im benachbarten Marianum zum vielseitigen Bildungsangebot. Um die Ausbildung der Schülerinnen der Höheren Lehranstalt für wirtschaftliche Berufe auf hohem Niveau und zeitgemäß fortführen zu können, war mehr Platz gefragt.

Ein Wettbewerb für einen Neubau wurde ausgelobt. Sechs Büros wurden um Vorschläge ersucht, wie das idyllisch gelegene Schulgelände um ein weiteres Volumen ergänzt werden kann. Fink Thurnher setzten sich mit einem Gebäude durch, dem es durch passende Maßstäblichkeit und gekonnte Positionierung am Baugrund gelingt, der dorfähnlichen Häuserfolge ein Zentrum zu geben. Die reduzierte, ku­bische Bauform umfängt das Gelände und schließt es zum steilen Thalbachhang hin ab. Davor ergibt sich ein geräumiger Platz, der als Treffpunkt und Pausenraum im Freien funktioniert.

„Hier ist einiges an Bewegung“, erklärt Direktor Erwin Simma die belebte Nutzung im Laufe eines Schultags. Denn neben fünf Klassenzimmern und Verwaltung befinden sich im Haus eine geräumige Aula für Vorträge und Feste, die Unterrichtsräume für Naturwissenschaften und Musik und eine Menge Aufenthalts- und Arbeitsbereiche, die von allen Schülerinnen genutzt werden können. „Dennoch ist die Atmosphäre angenehm ruhig“, lobt der Schulleiter die Architektur, die nicht nur durch geeignete bauakustische Maßnahmen, sondern auch in ihrer unaufgeregten Gestaltung für ein entspanntes Lernumfeld sorgt.

Ruhe liegt in der Auswahl der wenigen, hochwertig verarbeiteten Materialien und in der aufgeräumten Geometrie, mit der Beton-, Holz- und Glasflächen zueinander arrangiert wurden. Die großen Verglasungen auf allen Seiten öffnen den Blick hinaus in die umgebende Parklandschaft, hinüber Richtung Oberstadt und Stadt oder zur Pfarrkirche vis-à-vis. Es ist eine helle, geräumige und für eine Schule sehr offene Architektur, die die außergewöhnlich schöne Lage des Marienbergs nutzt, hereinholt und wirken lässt.

Dass alles so schlicht und klar strukturiert wirkt, ist der sehr durchdachten Planung und einer ebenso präzisen Umsetzung durch die Handwerksbetriebe geschuldet. Spinde, Schränke und Türen sind bündig in die durchgehenden Wände aus Eschenholz eingearbeitet. Rahmenlos schließen die Fenster an Wände und Decken an. Lüftungsauslässe, Lichtbänder und andere technische Elemente wurden nicht „hinzugefügt“, sondern sind integrativer Bestandteil des architektonischen Ganzen. Verputzer und Maler hatten an dem Objekt nicht viel zu tun, der Baumeister dafür umso mehr. Nach dem Motto „Rohbau=Ausbau“, wie Architektin Leins das Konzept beschreibt, wurde von Anfang an auf höchste Detailgenauigkeit geachtet. Der Sichtbeton erhielt außen wie innen ein Gepräge aus Tausenden sägerauen Fichtenbrettern in der Schalung. Das gibt dem Kunststein eine besonders natürliche und wohnliche Erscheinung, die gar nicht an Rohbau denken lässt.

Die hohe Aufenthaltsqualität im neuen Gebäude hat im Marienberg eine Art schulinternen Wettbewerb ausgelöst. „Die fünf Klassen, die hier angesiedelt sind, sind sehr glücklich“, lacht Direktor Erwin Simma, „und es treffen schon die Anträge von Klassen ein, die nächstes Jahr, wenn die Maturaklassen draußen sind, gerne hier einziehen würden.“ Bei dem Andrang ist es gut, dass das Haus noch wachsen kann. Tragwerk, Fluchttreppenhaus und Erschließungsflächen des Massivbaus wurden so dimensioniert, dass künftig ein Geschoß mit weiteren Klassen ohne Umbauarbeiten im Bestand dazukommen kann. Die jüngeren Jahrgänge, die heute vielleicht schon die Volks- oder Mittelschule besuchen, haben also gute Aussichten für die Zukunft.

Jetzt gibt es ein Zentrum. Das ist eine neue Qualität im Zusammenspiel mit den anderen Schulteilen.

Ein Blick in eins der fünf Klassenzimmer. Die weißen Holzwolle-Akustikplatten erfüllen ihren Zweck und bieten zudem eine freundliche Deckenuntersicht.

Ein Blick in eins der fünf Klassenzimmer. Die weißen Holzwolle-Akustikplatten erfüllen ihren Zweck und bieten zudem eine freundliche Deckenuntersicht.

Form Auf quadratischem Grundriss erhebt sich das kubische Volumen. Flächen und Linien sind klar gezeichnet, die Kanten präzise. Die fixen Sonnenschutzelemente aus Holz mit abwechselnd vertikalen und horizontalen Lamellen beleben das Fassadenbild.

Form Auf quadratischem Grundriss erhebt sich das
kubische Volumen. Flächen und Linien sind klar gezeichnet, die Kanten präzise. Die fixen Sonnenschutzelemente aus Holz mit abwechselnd vertikalen und horizontalen Lamellen beleben das Fassadenbild.

Beton bildet die solide Basis, das Eschenholz gibt Wärme, Glas schafft Licht und Sicht. Drei Materialien, drei Qualitäten - daraus ist das Haus sehr bewusst komponiert.

Beton bildet die solide Basis, das Eschenholz gibt Wärme, Glas schafft Licht und Sicht. Drei Materialien, drei Qualitäten – daraus ist das Haus sehr bewusst komponiert.

Die Rosette erzählt Geschichte. Sie stammt aus dem abgebrochenen Gesindehaus der Grafen Raczynski, die das Anwesen mit dem Bau der Villa 1875 gründeten.

Die Rosette erzählt Geschichte. Sie stammt aus dem abgebrochenen Gesindehaus der Grafen Raczynski, die das Anwesen mit dem Bau der Villa 1875 gründeten.

Kleine Fenster schaffen Sichtverbindung zwischen Räumen und Erschließungsflächen. Hier der Blick vom Foyer ins Sekretariat.

Kleine Fenster schaffen Sichtverbindung zwischen Räumen und Erschließungsflächen. Hier der Blick vom Foyer ins Sekretariat.

Ein Lehrerzimmer, das ausreichend Platz für Vorbereitung und kollegialen Austausch bietet. Die Wand enthält Spinde mit dem nötigen Stauraum.

Ein Lehrerzimmer, das ausreichend Platz für Vorbereitung und kollegialen Austausch bietet. Die Wand enthält Spinde mit dem nötigen Stauraum.

Direktor Erwin Simma und Projektarchitektin Sabine Leins führen durch das Haus. Die breiten, hellen Gänge haben hohe Aufenthaltsqualität.

Direktor Erwin Simma und Projektarchitektin Sabine Leins führen durch das Haus. Die breiten, hellen Gänge haben hohe Aufenthaltsqualität.

Position Das neue Haus sitzt ganz an der Geländekante hoch über dem Thalbach. Oben am Plateau des Marienbergs ist eine geräumige, gefasste Platzfläche entstanden. Das hat bisher gefehlt.

Position Das neue Haus sitzt ganz an der Geländekante hoch über dem Thalbach. Oben am Plateau des Marienbergs ist eine geräumige, gefasste Platzfläche entstanden.
Das hat bisher gefehlt.

Material Mit dem dezent lehmfarben pigmentierten Sichtbeton steht das Haus in Verbindung mit den steinernen Bauten in der Nachbarschaft, der Oberstadt im Norden und der Pfarrkirche St. Gallus im Nordwesten.

Material Mit dem dezent lehmfarben pigmentierten Sichtbeton steht das Haus in Verbindung mit den steinernen Bauten in der Nachbarschaft, der Oberstadt im Norden und der Pfarrkirche St. Gallus im Nordwesten.

Die Aula im 1. Stock, mit wunderbarer Aussicht Richtung Stadt und See, dient als Pausen- und Vortragsraum, wird für Präsentationen und Feiern genützt.

Die Aula im 1. Stock, mit wunderbarer Aussicht Richtung Stadt und See, dient als Pausen- und Vortragsraum, wird für Präsentationen und Feiern genützt.