Aus einem Guss

16.05.2019 • 11:52 Uhr / 7 Minuten Lesezeit

Die kleine Bauparzelle steht in zweiter Reihe am Siedlungsrand von Fraxern:
ein bis dahin unbebautes Grundstück in wundervoller, wenn auch steil geneigter
Hanglage. Nichts als Wiese und ein paar Kirschbäume, Bach und Wald in nächster Nähe. Es ist ein kulturlandschaftlich sensibles, ja schwieriges Umfeld für die
Neuerrichtung eines Hauses. Wolfgang Schmieder, Architekt und Bauherr in einem, sah die Herausforderung und entwarf eine Architektur, die damit bewusst,
verständig und zugleich mutig umgeht.

Eigentlich waren der Architekt und seine Partnerin auf der Suche nach einer neuen Wohnung im Raum Feldkirch. Bis das Paar per Zufall die kleine Liegenschaft entdeckte, die am westlichen Siedlungsrand von Fraxern zum Verkauf stand. Sie verliebten sich in die Aussicht, in die landschaftliche Schönheit und Ruhe der Umgebung und erwarben die knapp fünfhundert Quadratmeter Kirschbaumwiese am Rand des „Kriasidorfs“, um sich dort ein Wohnhaus zu errichten.

„Wie kann man auf die Bauaufgabe Einfamilienhaus angemessen reagieren?“, beginnt Wolfgang Schmieder den Besichtigungsrundgang gleich mit einer kritischen Frage an sich selbst, „wie kann ich es so machen, dass es für mich vertretbar und richtig ist?“ Die architektonische Antwort, die er darauf gefunden und formuliert hat, steht vor uns im strahlenden Licht des kühlen
Maivormittags: ein kubisches Haus aus Beton, das wie ein Findling zwischen den Kirschbäumen auf der Wiese zu liegen kam. Das beinah würfelförmige Volumen von acht Meter Seitenlänge und neun Meter Höhe wurde trotz der starken Hangneigung ohne jeden Eingriff ins Gelände am Grundstück platziert. Den ersten Teil der Antwort klären wir somit schon auf der filigranen Brücke, die von der Straße zum Hauseingang an der Nordseite führt: Die umgebende Topografie muss möglichst unangetastet bleiben, dass die vorhandene Landschaft das Bauwerk umfließen und räumlich wirksam bleiben kann.

Einen zweiten Aspekt eines „angemessenen“ Wohnhauses sieht der Architekt in einer formal klaren und bautechnisch durchdachten Konzeption. Und da hat er für sein Eigenheim tatsächlich besondere Lösungen entwickelt. Statt der üblichen, mehrschichtigen Bauweise, bei der ein Mix aus Materialien die unterschiedlichen Aufgaben übernimmt – Tragen, Dämmen, Dichten, Oberfläche etc. –, ist das Haus in Fraxern einstofflich konstruiert. Es ist im wahrsten Sinn des Wortes aus einem Guss: Die fünfzig Zentimeter dicken Außenwände aus Dämmbeton wurden über alle drei Geschoße in einem Stück betoniert und innen wie außen schalungsrau belassen. In einem zweiten Schritt wurden die Vollbetondecken mitsamt den Heizleitungen eingebracht. „Dann war das Haus eigentlich zu achtzig Prozent fertig“, lacht Schmieder. Mit einem einzigen Material sind also statische, thermische und ästhetische Anforderungen erfüllt. Das klingt einladend simpel. Monolithisch sauberes Bauen braucht allerdings besonderen Planungsaufwand, handwerkliche Genauigkeit und auch ein bisschen Risikobereitschaft, berichtet der Bauherr-Architekt. Denn wie sich das noch relativ wenig erprobte Material Dämmbeton nach dem Ausschalen wirklich zeigt, ist schwer vorherzusagen und im Nachhinein kaum korrigierbar.

Ganz im Sinn des minimalistischen Konzepts ist auch die Haustechnik möglichst reduziert und damit eine dritte Antwort auf die rhetorische Eingangsfrage gegeben: Systemische Einfachheit. Als Energielieferanten werden die Sonne und Holz genutzt. Die Betonkernaktivierung speist sich aus Vakuumröhrenkollektoren am Dach. An kalten und sonnenarmen Tagen kann mit Heizenergie aus dem Grundofen nachgeholfen werden. Die Masse und Trägheit der Wände sorgen das ganze Jahr über für ein sehr gleichmäßiges und angenehmes Raumklima. Die Porosität des Dämmbetons wirkt sich positiv auf die Feuchtigkeitsregulierung, aber auch auf die Raumakustik aus. Im Gegensatz zu manch anderem Betonbau ist es hier nicht kalt und es fühlt sich auch nicht so an.

Wer das Dämmbetonhaus betritt und im Inneren erlebt, dem zeigt sich noch eine vierte Antwort, was das „richtige“ Haus ausmachen könnte: platzsparende, zugleich geräumige innere Organisation. Über eine offene Treppe werden die drei Haupt-ebenen des Hauses erschlossen. Oben wird gekocht und gegessen, in der Mitte gearbeitet und gewohnt, unten geschlafen. Es ist eine zusammenhängende, offene Raumskulptur, die mit nur zwei Innentüren auskommt und dennoch verschiedenste Bereiche mit unterschiedlichen Qualitäten, Atmosphären und Ausblicken bietet. „Wir kommen jeden Tag so gern nach Hause“, freut sich Schmieder über das ruhige, formal reduzierte Refugium: „Es fällt uns direkt schwer, noch zu verreisen.“

Bauherr und Architekt in einer Person – wie ist das eigentlich? „Das ist ein Riesenkampf“, berichtet der Architekt und Bauherr (Mitte) augenzwinkernd. Und die Baufrau nickt ihm zu: „Aber das Ergebnis stimmt!“

Bauherr und Architekt in einer Person – wie ist das eigentlich? „Das ist ein Riesenkampf“, berichtet der Architekt und Bauherr (Mitte) augenzwinkernd. Und die Baufrau nickt ihm zu: „Aber das Ergebnis stimmt!“

FASSADE Die Stoßfugen der Systemschalung ergeben eine geometrisch aufgeräumte Rasterzeichnung. Der Beton sollte seinen rohen Charakter behalten und zeigen. Struktur, Farbigkeit und Helligkeit verändern sich je nach Tageszeit, Saison und Witterung.

FASSADE Die Stoßfugen der Systemschalung ergeben eine geometrisch aufgeräumte Rasterzeichnung. Der Beton sollte seinen rohen Charakter behalten und zeigen. Struktur, Farbigkeit und Helligkeit verändern sich
je nach Tageszeit, Saison und Witterung.

FORM Der Hauswürfel wirkt nicht nur monolithisch. Die Außenwände aus Dämmbeton wurden tatsächlich vor Ort in einem „Guss“ über die volle Höhe betoniert. Der Eindruck eines „Findlings“ in der umgebenden Landschaft wird unterstützt von dem leichten Steg, der das Gebäude von oben erschließt.

FORM Der Hauswürfel wirkt nicht nur monolithisch. Die Außenwände aus Dämmbeton wurden tatsächlich vor Ort in einem „Guss“ über die volle Höhe betoniert. Der Eindruck eines „Findlings“ in der umgebenden Landschaft wird unterstützt von dem leichten Steg, der das Gebäude von oben erschließt.

RAUMPROGRAMM Auf der obersten Ebene ist die Küche untergebracht, die sich mit großer Faltverglasung auf die Terrasse öffnet. In der Mitte finden sich der Wohn-, Arbeits- oder Gästebereich – je nach Bedarf. Unten ist die Schlafebene.

RAUMPROGRAMM Auf der
obersten Ebene ist die Küche untergebracht, die sich mit großer Faltverglasung auf die Terrasse öffnet. In der Mitte finden sich der Wohn-, Arbeits- oder Gästebereich – je nach Bedarf. Unten ist die Schlafebene.

Die Materialien beschränken sich auf Sichtbeton, Schwarzstahl, Holz und Glas. Fenster, Einbaumöbel und Küchenzeile wurden aus Weiß-tannenholz gefertigt. Die geschliffene Betondecke ergibt den Fußboden.

Die Materialien beschränken sich auf Sichtbeton, Schwarzstahl, Holz und Glas. Fenster, Einbaumöbel und Küchenzeile wurden aus Weiß-
tannenholz gefertigt. Die geschliffene Betondecke ergibt den Fußboden.

Die Fenster sitzen je nach räumlicher Funktion innen- oder außenbündig. In diesem Fall wird ein quadratischer Ausschnitt Landschaft mit Wiese und Kirsch-bäumen gerahmt. Die Laibung dient als angenehme Sitzbank.

Die Fenster sitzen je nach räumlicher Funktion innen-
oder außenbündig. In diesem Fall
wird ein quadratischer Ausschnitt Landschaft mit Wiese und Kirsch-
bäumen gerahmt. Die Laibung
dient als angenehme Sitzbank.

Dieser Blick ins Rheintal und in die Schweizer Berge kann auf der Terrasse genossen werden. Ein Panorama, an dem sich wohl niemand so schnell satt sehen kann.

Dieser Blick ins Rheintal und
in die Schweizer Berge kann
auf der Terrasse genossen werden.
Ein Panorama, an dem sich wohl niemand so schnell satt sehen kann.

Die Treppenläufe, die vom Hauseingang nach unten führen, sind Teil des monolithischen Betonobjekts. Die sieben Stufen hinauf in den Koch- und Essbereich wurden aus Schwarzstahlblech gefertigt.

Die Treppenläufe, die vom Hauseingang nach unten führen, sind Teil des monolithischen Betonobjekts. Die sieben Stufen hinauf in den Koch- und Essbereich wurden aus Schwarzstahlblech gefertigt.

Der Purismus der Architektur braucht die passende Einstellung: „Wir umgeben uns nicht gern mit vielen Dingen“, sagt Wolfgang Schmieder, „es braucht auch nichts, weil die Natur rundherum hat ohnehin so viel Gewicht.“

Der Purismus der Architektur braucht die passende Einstellung: „Wir umgeben uns nicht gern mit vielen Dingen“, sagt Wolfgang Schmieder,
„es braucht auch nichts, weil die Natur rundherum hat ohnehin so viel Gewicht.“