Walter Fink

Kommentar

Walter Fink

Es gibt ein Leben nach dem Tod

Kultur / 25.01.2013 • 20:25 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Es war an diesem Wochenende vor genau zwanzig Jahren. In später Nacht schloss meine Frau, die Mutter unserer zwei Kinder, ihre Augen für immer. Es war keine Überraschung, wir alle hatten gewusst, dass es so kommen würde. Über lange, sehr lange Zeit war sie krank, konnte sich nicht mehr bewegen, nichts mehr bewegen, im letzten Lebensjahr fiel auch noch die Sprache aus, Kommunikation konnte nur noch übers Alphabet und über Blickkontakt erfolgen. Es war ein unbeschreiblicher Leidensweg, dem sie ausgesetzt war, ausgeliefert einer heimtückischen, unheilbaren Krankheit, die langsam, aber todsicher im wahrsten Sinn des Wortes dem Körper alle Funktionen nahm. Der Geist allerdings, der Geist blieb erhalten. Bis zuletzt.

Und damit auch das Empfinden von Schmerz. Unfassbarem Schmerz, der nur durch stärkste Mittel zu lindern war. Es war genau die Situation, in der man überlicherweise zu hören bekommt, dass der Tod zur Erlösung wird. Ein völliger Blödsinn, dieser Satz. Der Tod ist nie eine Erlösung, der Tod ist das einzig Absolute im Leben, ist die Trennung für immer. Und damit immer schrecklich. Zumindest für die, die zurückbleiben. Für den, der geht, mag das anders sein. Meine Frau wusste, dass sie geht, dass sie in einen anderen Raum geht, aber nicht vergeht. Sie war sich sicher – und in solchen Augenblicken neigt man auch als der, der bleibt, dazu, das zu glauben, zumindest glauben zu wollen. Man hofft auf ein Leben nach dem Tod.

In den Tagen nach diesem Einschnitt in unser Leben glaubte ich, nicht mehr weiter zu können. Ich sah keinen Sinn mehr, hatte keine Kraft mehr. Einzig das Wissen, dass ich Kinder habe, dass da Menschen sind, für die ich Verantwortung trage, ließ mich den letzten Schritt nicht tun. Jenen Schritt, der mir damals scheinbar leichter gefallen wäre als das Leben, obwohl ich nicht die gleiche Hoffnung auf ein anderes Leben hatte wie meine Frau. Und so ging das Leben weiter, die Kinder wurden erwachsen, mein Leben wurde wieder eigenständig. Und heute weiß ich: Es gibt ein Leben nach dem Tod, nach dem Tod geliebter Menschen. Es gibt ein neues, ein eigenes Leben, das auch Glück bringt. Und man braucht sich dessen nicht zu schämen. Auch dann nicht, wenn man – an Tagen wie heute – ganz besonders der geliebten Verstorbenen gedenkt. Das all jenen, die derzeit Leid mit Tod erfahren.

walter.fink@vn.vol.at
Die Meinung des Gastkommentators muss nicht mit jener in der Redaktion übereinstimmen.