Postvogt, Reiter und Prozession
Vor fast genau 440 Jahren, am 5. Jänner 1573, ritt der Elsässer Postvogt Andreas Egglisberger mit seinem Ross über den zugefrorenen Bodensee. Diese Geschichte regte den deutschen Dichter Gustav Schwab Anfang des 19. Jahrhunderts zu seinem bekannten Gedicht „Der Reiter und der Bodensee“ an. Die tragische Inhalt sollte bekannt sein. Nach dieser Ballade wollte ein Reiter an den Bodensee, um das Gewässer mit dem Pferd in einem Schiff, einer Art Fähre, zu überqueren. Lange ritt er, Stunden, über Hügel vorbei an Bäumen und Sträuchern, schließlich über eine nicht enden wollende Ebene, ohne Baum, ohne Strauch. Dann sah er ein Licht, hielt darauf zu, fragte eine junge Frau, wie er denn zum Schiff über den See komme. Erschrocken sah ihn die Frau an: In der Richtung, aus der er komme, lag doch der Bodensee. Der Reiter erkannte, dass er über den zugefrorenen See geritten war. So heißt es im Gedicht am Schluss: „Da seufzt er, da sinkt er vom Ross herab, / da ward ihm am Ufer ein trocken Grab.“ Der Reiter war ein Opfer der Seegfrörne geworden.
Vor 50 Jahren, im Jahr 1963, trat dieses seltene Ereignis zum letzten Mal ein, war der Bodensee zur Gänze zugefroren. Solche Seegfrörne soll sich bisher 35 Mal ereignet haben, die früheste durch Chronisten aufgezeichnete Gfrörne gab es im Jahr 875, zuverlässige Quellen aber gibt es erst seit dem 13. Jahrhundert. Die letzte war vor fünfzig Jahren. Für uns damals junge Männer war es ein ganz unglaubliches Ereignis, zu Fuß auf und über den See zu gehen, auf dem Autos und sogar Flugzeuge verkehrten. Mein Vater und ich gingen mit Freunden zu Fuß über den See nach Lindau, ins berühmte Gasthaus „Lamm“, um dort „Salvator“ zu trinken. Wir wussten: Wir erleben Geschichte.
Genau heute vor 50 Jahren, am 9. Februar 1963, bewegte sich auch eine sonderbare Prozession mit dem Haupt des Hl. Johannes von Hagnau am deutschen Ufer nach Münsterlingen auf die Schweizer Seite des Bodensees. Man folgte einer alten Tradition: Bei jeder Seegfrörne wurde Johannes über den See auf die andere Seite getragen. Und nun wartet er in der großartigen Barockkirche des ehemaligen Klosters Münsterlingen – erbaut vom Vorarlberger Barockbaumeister Franz Beer – auf die nächste Seegfrörne. Und mit ihm warten die Hagnauer, bis sie das Johannes-Haupt wieder in ihrer Kirche haben.
walter.fink@vn.vol.at
Die Meinung des Gastkommentators muss nicht mit jener in der Redaktion übereinstimmen.
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