Wege frei halten, sichern oder sie freischaufeln

Kultur / 15.11.2013 • 21:53 Uhr
processed by Octavian

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Er kuratiert eine Spezialausgabe der „Bludenzer Tage zeitgemäßer Musik“.

Zum 25-Jahr-Jubiläum des Vereins „allerArt“ haben Sie die Veranstaltungsreihe als Kuratoren-Festival programmiert. Was ist da geplant?

MOOSBRUGGER: Drei Abende mit den bisherigen künstlerischen Leitern. Georg Friedrich Haas eröffnet am Mittwoch und integriert Werke von (ehemals) Studierenden, Wolfram Schurig wird seinen Liederzyklus nach Gedichten von Daniela Danz uraufführen und hat als Werknachbarn „e poi“ von Giorgio Netti sowie „Thought Forms are Pure Energy“ von Christopher Trebue Moore gewählt, auch diese werden erstmals gegeben. Mein Abend am Freitag spiegelt das Mittwochsprogramm, am Samstag sind die „btzm“ in Bregenz zu Gast mit Lectures, Performances, einer Installation und einer Videoarbeit.

Das diesjährige Motto „Gegenstandsbezirke und herumfliegende Häutchen“ bezieht sich auf die „Bilderlehre“ des römischen Dichters Lukrez vor mehr als zweitausend Jahren. Wie ist das in Bezug auf die Musik zu verstehen?

MOOSBRUGGER: Lukrez’ Text ist recht polyphon, als Gedicht bereits musikverwandt, er führt Bilder, die heute ins psychologische Fach weisen, Bilder, die nichts unterschlagen und kennzeichnen, wo die springenden Punkte liegen. Die feineren Zusammenhänge der Dinge, ihr In-die-Welt-Treten als Wahrnehmung und Spiegelung, das Moment der Reizung, unterschiedliche Reflexionstableaux –entsprechend sind die Werke gewählt und angeordnet worden.

Haben sich nun die drei Kuratoren mit ihren Werken für Bludenz diesem Motto untergeordnet oder hat sich das Motto aus den Stücken heraus ergeben?

MOOSBRUGGER: Vieles ist aus den Stücken heraus erwachsen, ich habe mich in gewisser Weise architektonisch betätigt und ein Ensemble aus „Musikkörpern“ zu bauen versucht: Musikraumplanung, Inneres der Klänge nach außen stülpen.

Jedenfalls gab es in Bludenz noch nie so viel von Vorarlberger Komponisten zu hören wie diesmal. Gibt es dabei auch Verbindungen untereinander?

MOOSBRUGGER: Den ersten Abend wird das „ensemble recherche“ mit Georg Friedrich Haas’ „tria ex uno“ beschließen, einer Replik auf Alte Musik. Mein Abend bringt zu Beginn die Transkription eines Stücks für Cimbalo cromatico von Gioanpietro del Buono, einen Streichquartettsatz mitteltönig gestimmt. Die Realisatio­nen sind unterschiedlich, doch das Mitvergegenwärtigen beispielsweise von Musik aus früheren Jahrhunderten, von „Gegenständen“ und den Bezirken anderer künstlerischer Austragung verbindet.

Von Georg Friedrich Haas hört man bereits bekannte Werke, von Wolfram Schurig und Ihnen stehen Uraufführungen an. Wie wichtig ist Ihnen als Kurator der Neuigkeitswert der aufgeführten Werke?

MOOSBRUGGER: Ich glaube, man kann tatsächlich – in der vollen Wortbedeutung – neue Musik schreiben. Wenn das geleistet wird und ein nicht diskreditierbarer Weg eröffnet wird, ist mir Neues wichtig. Die Aufgabe eines Festivals für Musik unserer Zeit ist es, Wege solcherart frei zu halten, zu sichern, notfalls freizuschaufeln.

Eine Neuheit ist heuer der Samstag im Vorarlberg Museum und im Bregenzer Künstlerhaus Palais Thurn und Taxis. Was kann man sich da erwarten?

MOOSBRUGGER: Zum Begriffspaar „Stimme und Archiv“ sind Werke von Serge Baghdassarians, Boris Baltschun, Alessandro Bosetti, Erik Bünger und Achim Lengerer versammelt. Sie erweitern und verfeinern die Akte 1 bis 3 des Kuratorenstücks, indem Motive aufgenommen, pariert, gestrafft, kommentiert werden. Im Vorarlberg Museum läuft eine komplexe Installation beispielsweise mit modifizierten LED-Stimmgeräten. Im Künstlerhaus wird gesprochen, gelesen, projiziert. Die Mehrheit der Künstler und Komponisten ist erstmals bei uns, ebenso das „Formalist Quartet“.

Wo stehen die „Bludenzer Tage“ heute im internationalen Ansehen?

MOOSBRUGGER: Ein Sauerstoffgerät sollte man schon dabei haben.

Noch zu Ihnen persönlich: Sie sind, wie man hört, gut gebucht mit Aufträgen für neue Werke und Konzerte?

MOOSBRUGGER: Der November ist sehr dicht, das stimmt. Letzten Donnerstag gab ich ein Orgelrecital im Französischen Dom in Berlin, am 12. November wurde mein aktuelles Stück für zwei Tasteninstrumente/Synthesizer uraufgeführt, ein Kompositionsauftrag des L’arsenale- Festivals, nuova musica in Treviso, wo ich auch Correa de Arauxo und Isang Yun auf der historischen Collido-Orgel spielte. Am 29. November werden in der Basilica dei Frari in Venedig Streichquartette von mir zu hören sein und auch das Tastenduo. Kommendes Jahr dann gibt es ein Komponistenporträt im Berliner Konzerthaus.

BLUDENZER TAGE ZEITGEMÄSSER MUSIK

Drei Konzerte in der Remise, 20. bis 22. November, Beginn jeweils 20 Uhr

20. November (Programm-Einführung 19.30 Uhr): ensemble recherche (Werke von Georg Friedrich Haas, Yair Klartag, Helena Winkelman und Alexander Moosbrugger)

21. November (Komponistengespräch 19.20 Uhr): Anna Spina, Viola, Almut Hellwig, Sopran, Ensemble PHACE (Werke von Wolfram Schurig, Giorgio Netti, C. T. Moore)

22. November: Formalist Quartet, Los Angeles (Werke von Alexander Moosbrugger, Georg Friedrich Haas)

Zur Person

Alexander Moosbrugger

Geboren: 21. August 1972 in Schoppernau

Ausbildung: Orgel und Cembalo am Landeskonservatorium Feldkirch, 1998 Künstlerische Diplomprüfung Musikhochschule Stuttgart, Philosophiestudium an der Universität Wien; Meisterkurse u. a. bei Guy Bovet, Michael Radulescu, Jean Boyer

Tätigkeit: lebt seit 2001 freischaffend in Berlin, Kompositionsaufträge und Aufführungen bei Festivals, Orgelabende in Europa, Japan und den USA, CD-Einspielungen, Forschungs- und Lehraufträge; Initiator der „reihe 0, tage aus kunst“, seit 2007 Leiter der „btzm“

Auszeichnungen: Bodenseepreis, Stipendien des Bundes, Kompositionsstipendium des Landes Vorarlberg, „Artist in Residence“ im Centro Tedesco di Studi Veneziani