Vom Liebhaben und Arbeiten

Auch kleine Einblicke in die Welt vor hundert Jahren sind sehr aufschlussreich.
Bregenz. (VN-cd) Der Juli, so würde man meinen, ist ein Monat mit viel Sonne, eher schon Hitze. 1913, also im Jahr vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs, kam man nur bei schwerer Arbeit ins Schwitzen, das Wetter selbst wird als kalt und windig beschrieben. Nachzulesen ist das in einem berührenden Brief, den Maria Burtscher (1889-1957) aus Sonntag an Franz Josef Schweizer (1886-1969) schrieb. Dieser war Senn, stammte aus Schwarzenberg, lernte Maria bei einem Spaziergang kennen und hatte keine andere Möglichkeit mit „der Geliebten“ in Verbindung zu bleiben, als über Briefe. Aber auch das wurde nicht allzu gerne gesehen, denn Bekanntschaften zwischen Mann und Frau über längere Zeit gab es damals nicht. Sie hatten unverbindlich zu sein oder in eine Ehe zu führen. Ein gutes Jahr nach dem ersten Treffen – und obwohl man sich kaum gesehen hatte – machte Franz seiner Maria einen Heiratsantrag, ein weiteres Jahr verging bis die Hochzeit am 8. Juni 1914 stattfinden konnte. Nur wenig später war Krieg, der junge Ehemann wurde einberufen.
Engagierte Sammler
Von derlei Schicksalen bzw. vom Alltag (auch dem der Textil- und Bergarbeiter) oder dem Vereinsleben zu erfahren, verdanken wir nicht nur privaten Sammlern, sondern auch engagiert geführten kommunalen Archiven. Mit Dokumenten und Zeugnissen aus solchen Einrichtungen in Dornbirn, Lech, dem Bregenzerwald, Frastanz, Lustenau und dem Montafon wurde nun eine kleine, informative Ausstellung zusammengestellt und unter dem Titel „Einblick in die (Vorarlberger) Welt vor 100 Jahren“ im Foyer des Landhauses in Bregenz eröffnet.
„Aufbruch in die Moderne“ lautet der Untertitel, der dann plausibel wird, wenn man sich mit Firmengründungen oder verkehrstechnischen Unternehmungen in den Jahren vor dem Zusammenbruch der Donaumonarchie auseinandersetzt. (Von einer Moderne im gesellschaftlichen Leben bzw. in gesellschaftspolitischer Hinsicht konnte ja nicht die Rede sein.) Geradezu vorausblickend erscheint allerdings die Inbetriebnahme von Elektrizitätswerken, Straßenbauten oder die Errichtung der elektrischen Bahn zwischen Dornbirn und Lustenau, die erst im Jahr 1938 wieder eingestellt wurde und bei der während des Weltkriegs auch Frauen Dienst taten.
Stoff, Bier, Strom
Ein zumindest kleines Textilland war Vorarlberg zu besagter Zeit bereits, das Lustenauer Gemeindearchiv gibt Aufschluss darüber, dass sich die Pioniere der Stickereiindustrie bereits starkmachten, und während vielerorts immer noch Menschen in die Vereinigten Staaten auswanderten, um dort ihr Glück oder eine Arbeitsstelle zu finden, die das Überleben sicherte, kamen in Frastanz einige Menschen mehr zu Lohn und Brot. Kurz nach der Jahrhundertwende wurde eine Brauereigenossenschaft gegründet, keine zehn Jahre später hatte man ein Elektrizitätswerk, das, wie der Autor Thomas Welte berichtet, dazu führte, dass im Dezember 1910 während der Roratemesse in der Pfarrkirche erstmals elektrisches Licht brennen konnte.
Das Aufkeimen des Tourismus, der Bau von Straßen und Galerien im Arlberggebiet sowie Pionierleistungen in der Fotografie fallen in Vorarlberg in etwa in die selbe Zeit. Wer sich für eindrückliche Bilddokumente interessiert, für die Erschließung der Alpen, oder wer den ersten motorisierten Vorarlbergern nachspürt, der stößt immer wieder auf ähnliche Aufnahmen. Hatte man ein Fahrzeug, so musste es fotografisch festgehalten werden, am besten vor schöner Landschaftskulisse. Kein Wunder, dass die abgebildeten Karossen mit adretten Ausflüglern besetzt waren. Wer von den „Aufbruchsjahren“ kurz vor der Katastrophe profitieren konnte, der hatte Zeit. Unter anderem auch zur Ausübung oder zur Betrachtung neuer sportlicher Betätigungen. Skifahren und auch Skispringen oder gar waghalsiges Skifliegen gehörten ebenfalls dazu.







Die Ausstellung kann bis 18. April, täglich 8 bis 18 Uhr, im Foyer des Landhauses in Bregenz besichtigt werden.