Nachdenken über Ostern
In diesen Tagen beschäftigt man sich bisweilen mit Themen, die während des üblichen Jahreslaufs nicht so sehr an die Oberfläche kommen. Gegenwärtig ist die Frage des Todes allgemein und dann natürlich auch noch die spezielle Frage des Kreuzestodes. Zu beiden Grundfragen der Menschen habe ich in jüngerer Zeit Bücher gelesen, die es mir wert erscheinen, dass man sie anderen Menschen empfiehlt. Da ist einmal die französische Schriftstellerin Emmanuèle Bernheim, die mit „Alles ist gutgegangen“ (206 Seiten) eine außerordentliche Auseinandersetzung mit dem Tod geschrieben hat. Dann hat Colm Tóibín mit „Marias Testament“ (127 Seiten) eine neue Betrachtung der biblischen Leidensgeschichte aus der Sicht Marias, der Mutter Jesu, vorgelegt. Beide Bücher sind im Hanser Verlag erschienen.
Der nach einem Schlaganfall darniederliegende Vater von Emmanuèle Bernheim äußert einen verhängnisvollen Wunsch: „Ich möchte, dass du mir hilfst, Schluss zu machen.“ Das, was wir hier lesen, ist kein fiktiver Roman, es ist die Geschichte zwischen einem Vater und seiner ihn liebenden Tochter. Der Vater war ein Lebemann, zu Hause in Künstlerkreisen, Ateliers oder Auktionshäusern – und bei schönen Frauen. Dann der Schlaganfall – ein Tiefschlag. So will er nicht weiterleben, das ist für ihn kein Leben. Deshalb die eigentlich unzulässige Bitte an seine Tochter. Auch das ein Tiefschlag, und ebenso der Beginn einer langen Auseinandersetzung mit der Frage, ob man einer solchen Bitte entsprechen darf. Es soll hier nicht gesagt werden, wie das Ende ist, es soll aber auf die sprachlich wie inhaltlich großartige Bewältigung des Problems hingewiesen werden.
Den irischen Autor Colm Tóibín kennt man seit 20 Jahren als gefeierten, vielfach ausgezeichneten Autor. Seine Auseinandersetzung mit dem Leben Marias nach dem Kreuzestod Jesu geht an die Substanz von Gläubigen. Viele Thesen werden erschüttert: Maria glaubt nicht, dass sie die Mutter Gottes ist, folglich auch nicht, dass Jesus der Sohn Gottes war. Tóibín erzählt die Leidensgeschichte aus Sicht einer Mutter, der der Sohn umso fremder wird, je mehr Wundertaten er vollbringt. Es ist ein unsentimentales Buch, das bisweilen an die Nieren geht. Vor allem ihre Schlussbemerkung zur Heilsgeschichte: „Das war es nicht wert.“ Ein unglaublicher Roman mit viel Sprengkraft.
walter.fink@vorarlbergernachrichten.at
Die Meinung des Gastkommentators muss nicht mit jener in der Redaktion übereinstimmen.
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