Walter Fink

Kommentar

Walter Fink

Umdenken in der Geschichte

Kultur / 02.05.2014 • 22:55 Uhr

Vor Kurzem habe ich bereits auf den ersten Band der neuen „Geschichte Vorarlbergs“ hingewiesen, der vom Direktor des Vorarlberger Landesarchivs, Alois Niederstätter, im Universitätsverlag Wagner vorgelegt wurde. Der Band behandelt „Vorarlberg im Mittelalter“, bringt besten Überblick und räumt auch mit manchen lieb gewordenen Klischees in der Geschichte dieses Landes auf. Das betrifft vor allem die Alemannen und die Walser, deren Herkunft bisher, so wollen es neue Forschungen, mehr als Mythos denn als Historie gesehen wurde.

Wie sehr das Alemannentum gerade vom offiziellen Vorarlberg früher hochgehalten wurde, ist weitgehend bekannt. Das ging so weit, dass der ehemalige Landesamtsdirektor bei Neuanstellungen eine Art „Alemannenerlass“ geltend machte, der also nicht nur die Qualifikation des Bewerbers, sondern vor allem die vermeintlich alemannische Herkunft berücksichtigte. Und die Alemannen spielten auch in der bisherigen Geschichtsschreibung – wohl auch auf Wunsch des Landes – eine wesentliche Rolle. Niederstätter benötigt für dieses Thema nur wenige Seiten, aber die genügen, um ein neues Bild zu geben. Demnach sprach schon der Historiograph Asinius Quadratus im 6. Jahrhundert von den Alemannen als „zusammengelaufenen und vermischten Leuten“, so gab es auch keine germanischen „Stämme“ oder „Völker“ als „deutlich abgrenzbare biologisch kulturelle Einheiten“. Es gab auch keine „alemannische Landnahme“, denn um die Mitte des 6. Jahrhunderts dürften sich die vermischten Stämme in unserem längst besiedelten Gebiet niedergelassen haben. Wir können uns also von dem bei uns so gerne hochgehaltenen Alemannentum verabschieden.

Schließlich auch die Walser. Neue Forschungen erkennen auch die Walser nicht als geschlossene Gemeinschaft an, die aus dem schweizerischen Wallis ausgewandert ist. Niederstätter schreibt: „Es wird wohl eher von Zweckgemeinschaften oder von Gruppen gleichen Rechts als von einem eindeutig zuordenbaren Abstammungsverband auszugehen sein.“ Um ein „Walser“ zu sein, musste man also nicht zwingend aus dem Wallis kommen. Eine Ansicht, die übrigens auch Ulrich Nachbauer in seinem „Walser Lesebuch“ (unartproduktion) vertritt. So müssen wir also wohl oder übel unsere eingelernten Zuordnungen ablegen. Niederstätters „Geschichte Vorarlbergs“ hilft uns dabei mit interessantem Lesestoff.

walter.fink@vorarlbergernachrichten.at
Die Meinung des Gastkommentators muss nicht mit jener in der Redaktion übereinstimmen.