Von Üsküdar bis Vorarlberg
Ich fühlte mich zurückversetzt in die Achtzigerjahre des letzten Jahrhunderts. Ich hörte Worte, die mir zwar lange entschwunden, aber dennoch völlig vertraut waren. Gedichte waren es, wunderbare Gedichte, die im Landesmuseum von Hubert Dragaschnig gelesen wurden. Wenn ich die Augen schloss, dann sah ich den Dichter dieser besonderen Poesie vor mir: Kundeyt Surdum. Schüchtern, zweifelnd an seiner Arbeit, die doch so großartig war. „Unter einem geliehenen Himmel“ hieß sein erster Gedichtband, der 1988 in der Serie Piper aufgelegt wurde. Michael Köhlmeier hatte ein noch heute gültiges Nachwort geschrieben. Surdum ist Tscherkesse, stammt von einem Volk im Kaukasus, das über Jahrhunderte im Kampf mit Russland lag. Mitte des 19. Jahrhunderts wurden die Tscherkessen besiegt, viele wanderten in die heutige Türkei aus. Auch die Eltern von Kundeyt Surdum.
Nie lernt Surdum die Sprache der Tscherkessen, in der seine Eltern sprechen. Türkisch lernt er. Und Deutsch am St. Georg Kolleg in Istanbul, einer österreichischen Schule. Deutsch auch an der Universität. Mit der Übersetzung von Gedichten von Ingeborg Bachmann oder Paul Celan finanziert er sein Studium. Und er schreibt selbst Gedichte.
Anfang der Siebzigerjahre kommt Kundeyt Surdum nach Vorarlberg. Er setzt sich für die Rechte seiner Landsleute ein, der türkischen Gastarbeiter, wie sie damals noch genannt wurden, macht eine eigene Sendung in türkischer Sprache für sie im ORF Vorarlberg, gründet eine eigene Zeitung, er unterrichtet türkische Kinder. Und er schreibt Gedichte. In Deutsch. Viel Zeit bleibt ihm nicht dazu neben seiner Arbeit, sie gehen ihm auch nicht leicht von der Hand, er muss sich die Worte erarbeiten. Er schreibt von seiner Heimat, von Üsküdar, einem Stadtteil von Istanbul, er schreibt vom schweren Los der Gastarbeiter, von sich und seiner Familie, von der Liebe, vom Land, in dem er mit seiner Familie lebt. „Wird es schwer sein zu sterben in der Heimat meines Sohnes?“, fragt er in einem Gedicht.
Kundeyt Surdum ist ein großartiger Lyriker. Er hat deshalb Ehrungen des Landes Vorarlberg bekommen, in Deutschland den Johann-Peter-Hebel-Preis. Alles mit Recht. Für ihn wäre die schönste Ehrung, wenn er als Dichter nicht vergessen würde. Ich versichere ihm: Das wird nicht sein. Zu wichtig und zu schön sind seine Gedichte.
walter.fink@vorarlbergernachrichten.at
Die Meinung des Gastkommentators muss nicht mit jener in der Redaktion übereinstimmen.
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