,,Was ihr dem Geringsten . . .“
Es war im Jahre 1956, ich besuchte damals die zweite Klasse des Bregenzer Bundesgymnasiums. Eines Tages im November saßen uns fremd anmutende Männer, Frauen und Kinder in den Gängen der Schule. Sie waren, so meinten wir, etwas schäbig angezogen, hatten irgendwelche Pakete oder Schachteln oder auch nur Stoffbündel bei sich, sahen verängstigt um sich. Später erklärten unsere Lehrer, dass dies Flüchtlinge aus Ungarn seien. Dort hatte im Oktober der Aufstand begonnen, der von sowjetischer Seite mit Brutalität niedergeschlagen wurde. Ähnlich war es zur Zeit des Prager Frühlings 1968, der von sowjetischen Panzern niedergewalzt wurde, als viele Flüchtlinge nach Österreich kamen. Und nicht viel anders, als beim Fall des Eisernen Vorhangs viele Menschen aus den Ostblockländern über die ungarische Grenze nach Österreich flüchteten.
Österreich hatte sich in diesen Jahren einen großen humanitären Ruf erworben, der Name dieses Staates wurde mit Ehrfurcht und Respekt als erstes Ankunftsland genannt, in dem man als Flüchtling die Ängste ablegen und gute Aufnahme erwarten durfte. Dieses kleine Land, dessen Bewohner während der Nazizeit selbst als Flüchtlinge andere Länder um Aufnahme ersuchen mussten, das nach dem Zweiten Weltkrieg selbst auf ausländische Hilfe angewiesen war, hatte seine Geschichte nicht vergessen.
Dieser gute Ruf ging in den letzten Jahren verloren. Heute ist nichts mehr davon übrig. Dieses Land, das heute zu den zehn reichsten der Welt gehört, dieses Land streitet sich in unwürdiger Weise darum, wer denn die Flüchtlinge heutiger Zeit, jene Menschen, die Kriegen und Diktatur, Ermordung und Vergewaltigung in ihrer Heimat entflohen sind, aufnehmen müsse. Der Bund macht die Länder verantwortlich, jene wiederum den Bund, die Gemeinden sehen sich in keiner Verpflichtung, und die Ärmsten der Armen, die in irgendeinem Lager auf Hilfe hoffen, werden Wochen, Monate, Jahre vertröstet.
Zwei Drittel der Österreicher, mehr noch der Vorarlberger, bekennen sich zum katholischen Glauben. Wir sind nicht mehr der Bibel-Worte „Was ihr dem Geringsten eurer Brüder getan …“ (Mt 25,40) eingedenk. Wir denken nur, dass wir unseren Wohlstand halten, dass wir ihn nicht teilen wollen, und dass uns Flüchtlinge stören, weil sie uns Geld kosten und womöglich auch noch ein schlechtes Gewissen machen.
walter.fink@vorarlbergernachrichten.at
Die Meinung des Gastkommentators muss nicht mit jener in der Redaktion übereinstimmen.
Kommentar