Walter Fink

Kommentar

Walter Fink

Und wieder ist einer gegangen

Kultur / 17.10.2014 • 20:26 Uhr

Es war am vergangenen Mittwoch. Ich machte mich fertig, um ins Landhaus zur ersten Sitzung des neu gewählten Landtags, zur Angelobung der Abgeordneten, zur Wahl eines neuen Präsidiums und einer neuen Landesregierung zu gehen. Ein wichtiger, ein feierlicher Anlass. Es war das neunte Mal seit 1974 (Regierung Keßler III), dass ich bei dieser Zeremonie mit dabei sein konnte, und ich dachte gerade darüber nach, ob es wohl noch ein zehntes Mal geben würde. Da gab mein Handy einen Klingelton. Eine langjährige Freundin meldete sich. Sie teilte mir mit, dass ihr Mann, ein Freund aus alten Zeiten, eben gestorben sei. Der große Anlass im Landtag verlor plötzlich an Bedeutung, im Moment meinte ich, ich könne da gar nicht hingehen. Trotzdem machte ich mich auf den Weg, weil ich aus Erfahrung wusste, dass ein Schritt in die Normalität die Trauer nicht hindert, aber im Moment Erleichterung schafft.

Vor einem halben Jahrhundert, Mitte der Sechzigerjahre, hatten wir uns in Innsbruck kennengelernt. Er kam aus Dornbirn, studierte Mathematik, war hochbegabt in seinem Fach. Lehrer wollte er werden, Professor an einem Gymnasium, und das wurde er auch. Schon damals war mir klar, dass er ein guter Partner für die Schüler werden würde, er war ruhig, gelassen, mit viel Geduld ausgestattet und vor allem auch mit der Fähigkeit, schwierige Dinge so zu erklären, dass man sie verstehen konnte. Vor allem aber: Er mochte die Jugend, wie er die Menschen mochte. Wir nannten ihn Adam, so wie den ersten Menschen. Das passte für ihn. Eigentlich hieß er Helmut Furxer. Er war beliebt bei den Schülern, weil er nie laut wurde, so wie er auch im anderen Leben nie laut wurde. Die großen Töne waren ihm fremd. Wir haben uns nicht ständig getroffen, wenn ich aber mit ihm zusammenkam, dann war das stets Freude und Freundschaft. Damit ist nun Ende, mit manch anderen Freunden steht er jetzt auch jenseits des unüberwindbaren Grabens.

Diese Gedanken haben manches von der Angelobung der neuen Regierung verdrängt, und niemand im Saal hat etwas gemerkt. So soll es sein. Die Politik fordert immer die große Öffentlichkeit, die Trauer bleibt immer bei einem selbst. Deshalb geht auch das öffentliche Geschehen weniger tief, das Fehlen eines Menschen aber bleibt fürs Leben. So mag mein Freund Adam gehen in Frieden – er bleibt trotzdem.

walter.fink@vorarlbergernachrichten.at
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