Walter Fink

Kommentar

Walter Fink

Eine Jugend in Vorarlberg

Kultur / 12.12.2014 • 21:21 Uhr

Die Überraschung ist perfekt, wenn man dieses Buch liest. Vor allem dann, wenn man in diesem Land aufgewachsen ist und glaubt, seine Umgebung und die Menschen hier zu kennen. Diese Jugend würde man vielleicht in einer Großstadt, jedenfalls in einem anderen Umfeld als in dieser kleinen Stadt am Bodensee vermuten. „Bis ich 21 war“ ist der Titel des spannenden Buches (erschienen im Deuticke Verlag), Autorin ist Ela Angerer, in Vorarlberg aufgewachsen, sie lebt heute in Wien, ist freie Autorin und Fotografin.

Geboren in Wien, Tochter einer Mutter, die sich lieber um andere Dinge als um ihre Kinder kümmerte, der Vater wiederum will mit ihr nicht gerne außer Haus, weil er sie „zu hässlich findet“. Die Veränderung kommt, als die Mutter ihren Vater verlässt, um einen sehr, sehr reichen Mann, der im Buch nur „der Cadillacfahrer“ genannt wird, zu heiraten. Mit der Mutter kommen die beiden Mädchen nach Fretting, einem fiktiven Namen für Bregenz. Gewohnt wird bald in einem Schloss, das zwanzig Zimmer hat. So viele, dass man sich darin verlieren kann. Die Erziehung liegt in der Hand von angestellten Frauen, der Haushalt wird von verschiedensten Personen erledigt, die Mutter und der „Cadillacfahrer“ sind meist in einem Luxushotel unterwegs, spielen vor allem bei Bridgeturnieren mit, am liebsten spielte die Mutter – irgendwo am anderen Ende der Welt – mit dem Schauspieler Omar Sharif, zumindest so lange dieser Geld hatte.

Alles war in diesem Haus wichtig, das Aussehen, das Schloss, das Geld, die ebenso wohlhabenden Gäste – nur die Kinder kamen unter die Räder. Sie waren im Weg, wurden mit Geld abgespeist. Und so suchte die Ich-Erzählerin nach ihrem eigenen Leben, nach ihrem eigenen Weg. Der vor allem Umwege beinhaltete. Beziehungslosigkeit, Alkohol, Drogen, Sex mit männlichen und weiblichen Partnern, Wohlstandsverwahrlosung eben. Als Folge ein schrecklicher Aufenthalt in einem Internat mit allem Schlimmen, was es da gibt. Und das alles erzählt Ela Angerer ohne jedes Pathos, ohne zu moralisieren oder abzurechnen. Sie muss das auch nicht, denn die Wirklichkeit ist furchtbar genug. Aber es ist gut, diese Geschichte zu lesen, denn man sollte wissen, was neben uns geschieht – auch wenn in diesem Buch nicht alles Realität ist, manches auch
Fiktion. Trotzdem: Schlimm genug – aber auch spannend.

walter.fink@vorarlbergernachrichten.at
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