Ein Kämpfer für die Satire
Der Anschlag auf die satirische Zeitung „Charlie Hebdo“ in Paris fiel fast genau auf das Datum des 125. Geburtstags des größten deutschen Satirikers des 20. Jahrhunderts, Kurt Tucholsky. Am 9. Jänner 1890 wurde „Tucho“ in Berlin geboren, und die „Berliner Schnautze“ brachte er auch literarisch zur Vollendung. Das Zusammentreffen seines Geburtstags und des brutalen terroristischen Überfalls in Paris war wohl mehr als nur Zufall, denn keiner kämpfte so wie Kurt Tucholsky für die Freiheit des Individuums, für die Freiheit der Medien und für die Freiheit der Kunst, damit auch der Satire. Legendär ist seine Frage mit gleichzeitiger Antwort: „Was darf die Satire? Alles!“ Viel mehr hätte man zum bisweilen zu hörenden Vorwurf, dass „Charlie Hebdo“ den Anschlag durch seine Provokationen selbst verursacht habe, nicht sagen müssen. So einfach und so klar sind viele seiner Texte, viele seiner Forderungen.
Kurt Tucholsky war zu seiner Zeit einer der bekanntesten, auch verehrtesten politisch-satirischen Autoren Deutschlands. Er kritisierte fast alles, die erstarrte Weimarer Republik, die nicht imstande war, dem heraufziehenden Nationalsozialismus etwas entgegenzuhalten, er kritisierte die perverse Liebe der Deutschen zu ihrem Militär, er kritisierte vor allem den sich abzeichnenden und dann auch stattfindenden Nationalsozialismus, er warnte und warnte, und er warnte vergeblich. In vielen seiner Satiren und Gedichte sah er die Katastrophe geradezu prophetisch voraus. Das konnte unter damaligen politischen Verhältnissen nicht gut gehen, Tucholskys Bücher wurden – neben den Titeln der besten deutschen Dichter – bei der unseligen Bücherverbrennung 1933 in 22 deutschen Städten ins Feuer geworfen (sozusagen stellvertretend für den Autor) und er bekam Schreibverbot. Erich Kästner sprach 1946 von ihm als „kleinem dicken Berliner“, der „mit der Schreibmaschine eine Katastrophe aufhalten“ wollte. So ungefähr war es. Tucholsky aber musste ins Exil nach Schweden, wo er am 20. Dezember 1935 in Hindas, nahe Schloss Gripsholm, eine Überdosis Tabletten nahm. Das klingt fast versöhnlich, denn mit „Schloss Gripsholm“ gelang ihm eine der liebenswertesten Novellen der damaligen Zeit. Das allerdings war das einzig Versöhnliche am Tod von Kurt Tucholsky, alles andere war zur Schande damaliger deutscher Politik.
Keiner kämpfte so für die Freiheit des Individuums, für die Freiheit der Medien und für die Freiheit der Kunst, damit auch der Satire.
walter.fink@vorarlbergernachrichten.at
Walter Fink ist pensionierter Kulturchef des ORF Vorarlberg
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