Walter Fink

Kommentar

Walter Fink

Schwimmen im Meer der Toten

Kultur / 17.04.2015 • 22:22 Uhr

Wir fliegen nach Spanien, fahren nach Südfrankreich und Italien oder reisen nach Griechenland. Die Gründe dafür sind vielseitig. Die südliche Landschaft, die etwas andere Lebensart der Menschen, natürlich die fast immer zur Verfügung stehende Sonne und nicht zuletzt: das Mittelmeer. Dieses wunderbare Meer, in dessen Umfeld sich all das entwickelt hat, was wir als „unsere“ Kultur bezeichnen, ist wirklich das „mare nostrum“, „unser Meer“.

Das war auch die Bezeichnung für jene Rettungsaktionen, die in der Vergangenheit Bootsflüchtlinge aus Afrika vor dem sicheren Tod in den Fluten retten sollte. Das Programm wurde gestoppt. Die Menschen wollten mit untauglichen Schiffen und in den Klauen menschenverachtender „Schlepper“ ins gelobte Europa, um hier endlich ein Leben in Freiheit und wirtschaftlichem Auskommen zu finden. Allein in der vergangenen Woche kamen so mehr als 10.000 Menschen auf die italienische Insel Lampedusa, die mit dem Flüchtlingsstrom seit Jahren heillos überfordert ist. Mehr als 500 haben das rettende Ufer nicht erreicht, sie ertranken im Mittelmeer. Wie schon viele Tausende vor ihnen.

Und so schwimmen wir seit Jahren in unserem Sommerurlaub im Meer der Toten.

Das wirklich Tragische ist: Europa schaut zu. Lampedusa und Italien bleiben mit ihrem Problem allein. Vor wenigen Tagen war von der EU zu hören, dass „leider das Geld fehlt“, um effizient zu helfen. Man glaubt, nicht richtig zu hören: Die reiche EU, in der ein erheblicher Teil der reichsten Länder der Welt zusammengeschlossen sind, hat kein Geld, um das Sterben im Mittelmeer zu verhindern? Dafür haben wir Milliarden und Abermilliarden für irgendwelche – im Vergleich zu diesem Problem – unwichtige Dinge. Aber: Wir sollten nicht nur auf die EU zeigen. Österreich ist keinen Deut besser.

Im Gegenteil. Unser Land, das zu den reichsten der Welt gehört, hat seine Entwicklungshilfe im neuen Budget wieder einmal heruntergefahren – weniger gibt kaum ein anderes Land. Inzwischen sind es noch 0,23 Prozent des Bruttonationalprodukts, die wir für die ärmsten Länder der Welt reservieren. Dort aber müsste man ansetzen, um vernünftige Hilfe zu leisten, um Menschen das Überleben im eigenen Land zu sichern. Wir tun das nicht, jammern aber über die Flüchtlinge, die zu uns kommen. Das alles ist unerträglich, es ist – man verzeih‘ – zum Kotzen.

Unser Land, das zu den reichsten der Welt gehört, hat seine Entwicklungshilfe im neuen Budget wieder einmal heruntergefahren.

walter.fink@vorarlbergernachrichten.at
Walter Fink ist pensionierter Kulturchef des ORF Vorarlberg.