Klassiker auf zwei Ebenen
Es war vor gut vierzig Jahren, als ich Friedrich Achleitner kennenlernte. Erstmals kam er nach Vorarlberg, um die Schule in Nüziders des Architekturbüros C 4 anzusehen, die 1967 mit dem ersten Bauherrnpreis der Zentralvereinigung ausgezeichnet wurde. Das war der Anfang einer intensiven Reisetätigkeit in unserem Land, Ergebnis war der erste Band der Reihe „Österreichische Architektur im 20. Jahrhundert“. Von Achleitner haben manche in diesem Land, darunter auch ich, erstmals zeitgemäße Architektur verstehen und auch bewerten gelernt. Sein Anspruch war, Architektur so zu präsentieren, dass sie für jeden Interessierten zugänglich wurde. Er war der Erste, der besondere Qualitäten in diesem Land aufzeigte, etwa die Arbeitersiedlungen neben den Industriebauten, die bis dahin kaum in ihrer Besonderheit erkannt wurden. Maßgeblichen Anteil hatte Friedrich Achleitner an der Entwicklung der neuen Vorarlberger Architektur, der er in den frühen Jahren immer wieder als Gutachter zum Durchbruch (sprich: zu Baugenehmigungen) verhelfen konnte.
Zehn Jahre lang, von 1962 bis 1972, schrieb Friedrich Achleitner Architekturkritiken in der „Presse“ und führte damit erstmals diese Disziplin in einer österreichischen Tageszeitung ein. Er war besonders geeignet für diese Tätigkeit, war er doch schon seit dem Ende der Fünfzigerjahre als Mitglied der „Wiener Gruppe“ hervorgetreten. Die legendäre Sammlung „hosn rosn baa“ mit H.C. Artmann und Gerhard Rühm wurde ein Kultbuch, die „Wiener Gruppe“ ohnehin Legende. So vereinte Achleitner Sprachgewandtheit und architektonisches Fachwissen, was seine Kritiken nicht nur inhaltlich, sondern auch formal einzigartig machte.
Ich kann nicht sagen, wen ich mehr schätze: den Architekturkenner und -kritiker oder den Dichter. Beide waren und sind besonders wichtig für Österreich, nicht zuletzt für Vorarlberg. Er wird auch in den nächsten Tagen hier sein. Übermorgen, Montag, wird im Vorarlberger Architekturinstitut das Buch „Achleitners Blick“ vorgestellt werden, eine Sammlung der Vorlesungen, die er 2010 bis 2012 an der Kunstuniversität Linz beim Vorarlberger Roland Gnaiger gehalten hat. Dieser Titel erscheint, genauso wie seine wunderbare kleine Sammlung von Kurzprosa, „Wortgesindel“ (Zsolnay Verlag), zu seinem 85. Geburtstag. Auch jetzt gilt also noch: Ein Klassiker auf zwei Ebenen.
So vereinte Achleitner Sprachgewandtheit und architektonisches Fachwissen, was seine Kritiken einzigartig machte.
walter.fink@vorarlbergernachrichten.at
Walter Fink ist pensionierter Kulturchef des ORF Vorarlberg.
Kommentar