Der Umgang mit den Ärmsten
Seit mehr als zwei Jahrzehnten ist Kos so etwas wie meine Heimatinsel in Griechenland. Immer wieder war ich dort, viele, viele Male. Ich habe dort Freunde gefunden, Menschen, mit denen ich mich austauschen und deren Art zu leben ich schätzen gelernt habe. Kos ist eine relativ kleine Insel, gerade einmal 33.000 Menschen wohnen dort. Derzeit aber leben dort mehr als 40.000 Menschen, davon etwa 7000 Flüchtlinge, die über das nahe gelegene Festland der Türkei gekommen sind. Bodrum, der türkische Badeort, ist etwa so weit von Kos entfernt wie Bregenz von Lindau, eher noch näher.
Kos hat also ein Problem, ein großes Problem. Denn jeder vierte Mensch auf der Insel ist auf der Flucht – und fast alle wollen sie weiter nach Zentraleuropa. Sie kommen aber nicht wirklich weiter, werden inzwischen auf Fähren, die als Notquartiere ausgestattet werden, untergebracht. Aber jeden Tag kommen neue Flüchtlinge dazu. Eine ausweglose Situation, für die Flüchtlinge ebenso wie für die Bewohner der Insel. Und ein Sprengsatz mitten in der Ägäis. Und als Erschwernis kommt noch die Wirtschaftskrise in Griechenland hinzu, die den Menschen vieles genommen hat.
Bei solchen Verhältnissen frage ich mich, warum man bei uns so aufschreit wegen gut 2000 Flüchtlingen im Land, warum Internetforen und auch Leserbriefspalten voll sind mit geradezu hasserfüllten Äußerungen gegenüber den Flüchtlingen. Einmal abgesehen davon, dass man durchaus ein Versagen europäischer Politik festhalten darf, dass man die EU für unfähig erklären darf, mit diesem Problem umzugehen, sollte es doch gegenüber den Ärmsten, den Flüchtlingen, so etwas wie Solidarität, zumindest Mitleid geben. Wir sehen in unserem Land wunderbare Beispiele von Hilfe, von Unterstützung für diese Menschen, es gibt viele, die spenden und tätig werden, aber es gibt eben auch genügend andere, die die Armen hier nicht sehen wollen.
Wo sind wir da eigentlich angekommen, wenn wir die Ärmsten aus unserem Leben ausgrenzen wollen? In einem Land, das nach wie vor mehrheitlich christlich ist, gilt Jesu Wort von dem, „was du den Ärmsten meiner Brüder getan“, nicht mehr? Es gilt auch nicht mehr die Erinnerung an die Zeit vor gut siebzig Jahren, als auch viele bei uns auf der Flucht waren und vor dem Nichts standen? Verzweifeln müsste man, wenn man nicht auch um die guten Beispiele wüsste. So darf man doch noch hoffen.
Wo sind wir da eigentlich angekommen, wenn wir die Ärmsten aus unserem Leben ausgrenzen wollen?
walter.fink@vorarlbergernachrichten.at
Walter Fink ist pensionierter Kulturchef des ORF Vorarlberg.
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