Walter Fink

Kommentar

Walter Fink

Wo Katastrophe sichtbar wird

25.09.2015 • 18:50 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Vergangene Woche waren meine Frau und ich auf der griechischen Insel Kos. Schon vor einiger Zeit hatten wir gebucht, es sollte ein Urlaub bei Freunden werden. Wir wollten sehen, wie sie in den Dörfern dieser Insel mit den Problemen Griechenlands umgehen, wir wollten auch etwas mitbringen, das bei einem Fest in Vorarlberg gesammelt wurde. Die Not ist groß in Griechenland, sie ist es besonders bei den älteren Menschen, deren ohnehin schon bescheidene Pension mehrmals gekürzt wurde, sodass nun nicht mehr genug zum Leben bleibt. Die ärztliche Versorgung ist eine einzige Katastrophe, die wenigsten – auch Junge nicht – sind in der Lage, Krankenhaus oder Arzt zu bezahlen. Ganz einfach, weil sie die Beiträge für die Krankenversicherung nicht mehr zahlen konnten. Unter diesen Voraussetzungen gingen die Menschen am vergangenen Sonntag zur Wahl. Überall, wo wir unsere Freunde trafen, gingen die Gräben durch die Familien: Die Alten wählten die Konservativen, die Jungen glaubten an die sozialistische Sammelbewegung unter Alexis Tsipras. Sie hoffen, dass er zumindest die schlimmsten Auswirkungen der Sparmaßnahmen lindern kann.

Wie tragisch das Schicksal vieler Griechen aber auch ist, am Strand der Hauptstadt, direkt gegenüber dem türkischen Festland, lagern die noch Ärmeren, da liegen und sitzen die Flüchtlinge. So wissen die Griechen seit einiger Zeit, dass sie noch in relativer Sicherheit leben. Denn denen in den einfachen Zelten ist gar nichts geblieben als ihr Leben.

Am Montag kam ein Sturm auf, Regen und hohe Wellen schlugen an die Kaimauern beim Hafen. Das heftige Gewitter ruinierte nicht nur einen Teil der Zelte, der Wind trieb auch die vielen Boote, mit denen die Flüchtlinge übers Meer kamen, in einer Ecke zusammen. Schlauchboote, in die wir uns nicht setzen würden, weil man ihnen ansieht, dass sie nicht seetauglich sind. Dutzende liegen zerfetzt beim Hafen. Daneben Teile von Holzbooten, die dem Wetter nicht standhielten. Ein Wunder, dass sie die Menschen übers Meer auf die Insel brachten, kein Wunder, dass manche der Flüchtlinge die Reise nicht überstanden.

Es war also kein Urlaub wie sonst, es war trotzdem eine gute Reise. Weil sie erstens klar machte, dass Hilfe dringendst angesagt ist, und weil sie zweitens vor Augen führte, in welch gesichertem Umfeld man selbst sein Leben verbringt.

Die Alten wählten die Konservativen, die Jungen glaubten an die sozialistische Sammelbewegung unter Alexis Tsipras.

walter.fink@vorarlbergernachrichten.at
Walter Fink ist pensionierter Kulturchef des ORF Vorarlberg.