Walter Fink

Kommentar

Walter Fink

Von Wahrheit keine Rede

Kultur / 09.10.2015 • 22:36 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Im Fernsehen gibt es seit einiger Zeit nach politischen Diskussionen den sogenannten Faktencheck. Dabei wird überprüft, ob eine Behauptung oder Aussage eines Politikers wahr oder eher falsch oder auch ganz falsch ist. Das Problem: Es geht fast immer nur um eine Aussage. Vieles bleibt also ungeprüft. Und so können Politiker in fast allen Interviews, auch bei den meisten Zeitungen, irgendetwas behaupten – es wird kaum einmal überprüft. Ich würde mir wünschen, dass ein solcher Faktencheck in allen Interviews und Gesprächen zur Normalität würde. Dann würden uns wohl auch weniger unüberprüfbare Behauptungen an den Kopf geworfen.

Bei der Fernsehdiskussion zur morgen stattfindenden Landtagswahl in Wien wurde das Problem wieder einmal überdeutlich. Da saß auf der einen Seite HC Strache, bekennender Fremdenhasser, und warf innert kürzester Zeit mit verschiedensten Zahlen, Daten und Zitaten um sich, auf der anderen Bürgermeister Michael Häupl, der all das zurückwies und als Falschaussage anprangerte. Was macht da der durch viele politische Diskussionen leidgeprüfte Zuschauer? Er verzweifelt, weil er nur in den seltensten Fällen den Wahrheitsgehalt überprüfen kann.

Ähnlich verhielt es sich bei einer Wahlveranstaltung der Wiener Freiheitlichen, zu der sie auch den deutschen Buchautor Thilo Sarrazin, der wie Strache eine Übervölkerung auf uns zukommen sieht, eingeladen hatten. Da gab es ständig geradezu haarsträubende Behauptungen, die – nachdem alle im Saal gleicher Meinung waren – auch ohne Widerspruch blieben. Einen Tag später allerdings konnte man in VOL.AT nachlesen, dass da mehr Falsches als Wahres gesagt wurde. Beispielsweise, wenn Strache meinte, dass es auch bei Kriegsflüchtlingen kein Recht auf Asyl gebe. Laut UNO ist das anders, danach gibt es ein solches Recht. Ein ganze Reihe solcher Aussagen von HC Strache oder Thilo Sarrazin wurden unwidersprochen in den Raum gestellt, sind aber überprüfbar falsch, wenn man so will also eine Lüge. Eine leider ungestrafte Lüge.

Solch schlampiger Umgang mit der Wahrheit hat bei Strache und seiner Partei längst System, ist also nicht der Ausnahmesituation eines Wahlkampfs geschuldet. Nur werden die Dinge in Vorwahlzeiten immer etwas drastischer. Und auch bei größter Unwahrheit bleibt etwas übrig, bleibt etwas bei einem Teil des Publikums hängen. Ganz einfach, weil ein Faktencheck fehlt.

Aussagen von Strache oder Sarrazin wurden unwidersprochen in den Raum gestellt, sind aber überprüfbar falsch.

walter.fink@vorarlbergernachrichten.at
Walter Fink ist pensionierter Kulturchef des ORF Vorarlberg.