Walter Fink

Kommentar

Walter Fink

Weihnachten in der Wirklichkeit

Kultur / 11.12.2015 • 20:27 Uhr

Zu dieser Zeit kann ich es nicht verbergen: Ich gehöre einer sonderbaren Spezies an. Ich bin ein hemmungsloser Weihnachtsromantiker. Mit dem ersten Adventsonntag verschwindet alle übliche Lektüre von meinem Nachttisch und muss Platz machen für Advent- und Weihnachtsgeschichten. Dabei findet keine besondere Auswahl statt, allen alten und neuen Autoren von Theodor Storm bis Kurt Tucholsky, von Theodor Fontane bis Robert Gernhardt, von Joseph von Eichendorff bis Rainer Maria Rilke gilt mein ausschließliches Interesse. Ähnlich verhält es sich mit der Musik. Die hochgeliebte Klassik, die mir meinen Aufenthalt in der Badewanne während des Jahres verschönt, wird ersetzt durch verschiedenste Formen der Weihnachtsmusik. Auch hier bin ich geradezu hemmungslos und singe nach meinen Möglichkeiten ebenso bei Luciano Pavarotti wie bei Bing Crosby, bei einem traditionellen Weihnachtslied ebenso wie bei Fats Domino mit. Nicht immer zur Freude meiner näheren Umgebung.

All diese Geschichten und Lieder haben etwas Tröstliches, denn sie gehen gut aus. Sie gehen sogar gut aus, wenn sie schlecht ausgehen, wie etwa Hans Christian Andersens Märchen „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“. Das Mädchen stirbt zwar, erfriert dank der Herzlosigkeit seiner Mitmenschen, aber mit jedem Entzünden eines Schwefelhölzchens sieht es in einer Traumwelt seine verstorbene Mutter, bis es beim letzten Hölzchen erfriert, aber damit im Jenseits direkt in die Hände seiner Mutter läuft. Auch die eigentliche Weihnachtsgeschichte ist letztlich traurig. Denn dass eine Hochschwangere, die sich der Geburt nähert, nicht aufgenommen, sondern in einen Stall verwiesen wird, ist herzlos. Nur die Erfüllung der biblischen Prophezeiung bringt die Geschichte zu einem wundersamen Ende.

So gesehen hat sich nichts verändert in der Gesellschaft. Auch wir weisen die Herbergsuchenden von der Schwelle, auch wir geben ihnen nicht jene Unterkunft, die sie brauchen würden, auch wir schließen, wenn sie betteln, unsere Tür vor ihnen oder weichen ihnen auf der Straße aus. Unsere Städte beschließen sogar per Gesetz – und das mit unserem Applaus – ein Bettelverbot. Vielleicht sollten wir daran denken, wenn wir die nächste Weihnachtsgeschichte lesen und dann den nächsten Bettler sehen. Denn wir könnten – so wie schon damals vor zweitausend Jahren – zu einem besseren Ende beitragen.

All diese Geschichten und Lieder haben etwas Tröstliches, denn sie gehen gut aus. Sie gehen sogar gut aus, wenn sie schlecht ausgehen.

walter.fink@vorarlbergernachrichten.at
Walter Fink ist pensionierter Kulturchef des ORF Vorarlberg.