Walter Fink

Kommentar

Walter Fink

Ungläubiges Staunen

Kultur / 08.01.2016 • 19:01 Uhr

Zu Weihnachten habe ich von einem befreundeten Ehepaar ein wunderbares Buchgeschenk bekommen. Ein Buch mit meist bekannten Bildern aus dem Christentum, Bildern, die in europäischen Museen oder Kirchen zu sehen sind, Bildern von großen Meistern mit einem Schwerpunkt bei Caravaggio. All diesen Bildern sind Texte beigestellt, die nicht die Bilder erklären, vielmehr führt das Betrachten der Bilder zu Assoziationen über Begriffe wie Mutter, Sohn, Gott, Berufung, Opfer, Kirche, Lust oder Freundschaft. Die Auswahl der Bilder hat nicht etwa ein christlicher Kunsthistoriker, sondern ein aus dem Iran stammender, in Deutschland geborener Schriftsteller und Iranist vorgenommen, der auch die Texte dazu geschrieben hat. Und es könnte sein, dass ein Mann mit islamischem Hintergrund etwas vom Besten zum Christentum geschrieben hat, das man derzeit lesen kann. Der Titel des Buches: „Ungläubiges Staunen – Über das Christentum“ (erschienen bei C.H. Beck). Der Name des Autors: Navid Kermani.

Navid Kermani ist kein Unbekannter, er wurde schon mit dem Hannah-Arendt-Preis, dem Kleist-Preis oder im letzten Jahr mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels, einem der wichtigsten Literaturpreise überhaupt, ausgezeichnet. Seine Dissertation trug den Titel „Gott ist schön“, damit erwarb er das Doktorat für Islamwissenschaften, seine Habilitation als Hochschullehrer erwarb er in Berlin im Fach Orientalistik. 2014 hielt er die Festrede zum  65. Jubiläum des Grundgesetzes im Deutschen Bundestag, seine Dankansprache, die er vor Kurzem nach der Verleihung des Friedenspreises des Buchhandels gehalten hatte, ist heute schon legendär. Kermani hat dabei auch klar gegen den „Islamischen Staat“ Stellung bezogen. Dieser Krieg, so meinte er, könne „nur von den Mächten beendet werden, die hinter den befeindeten Armeen und Milizen stehen: Iran, die Türkei, die Golfstaaten, Russland und auch der Westen“.

Navid Kermani ist ein großer Geist, der Religion als Möglichkeit zur Verinnerlichung des Menschen sieht. In „Ungläubiges Staunen“, so heißt es in einer Kritik, „setzt er die Bilder ein, um durch ihre Sinnlichkeit zum Sinn des christlichen Glaubens zu gelangen“. Man kann sich hier auf wunderbare Art vertiefen, in Bilder ebenso wie in Texte, und man kann durch sie tatsächlich einen neuen Sinn im christlichen Glauben finden. Wenn man so will.

Navid Kermani ist ein großer Geist, der Religion als Möglichkeit zur Verinnerlichung des Menschen sieht.

walter.fink@vorarlbergernachrichten.at
Walter Fink ist pensionierter Kulturchef des ORF Vorarlberg.