Walter Fink

Kommentar

Walter Fink

Verbrechen auch an Kunst

Kultur / 15.01.2016 • 20:09 Uhr

Wir mussten auf schlimmste Art erfahren, dass Terroristen nichts heilig ist. Obwohl sie immer das Wort von der Heiligkeit im Mund haben, obwohl sie immer während des Mordens „Allah“ rufen, beweisen sie, dass sie keine Achtung vor dem Menschen haben, dass sie allem widersprechen, was dem Islam heilig ist. So handeln nicht „Gotteskrieger“, so handeln nur miese Verbrecher und Mörder. Nichts ist ihnen heilig, auch nicht die Kulturdenkmäler ihrer Heimat. Das haben wir in Afghanistan erlebt, als die Taliban die zum Weltkulturerbe der UNESCO gehörenden weltgrößten Buddha-Statuen im Tal von Bamiyan zerstörten, das erlebten wir jetzt wieder durch den „Islamischen Staat“ im Weltkulturerbe von Palmyra in Syrien. Dort haben die Terrorbanden im vergangenen Herbst nicht nur den berühmten archäologischen Leiter, Chaled al-Asaad, vor laufender Kamera enthauptet, sie haben ebenso über Wochen und Monate unersetzliche Kulturschätze zerstört.

Diese Verbrecher machen aber nicht nur jahrtausendealte Kunst dem Erdboden gleich, sie nehmen auch kleinere, transportierbare Stücke und betreiben damit einen regen Antikenhandel. Das hat dazu geführt, dass in der internationalen Kriminalstatistik der systematische Raub und Verkauf von Kulturgütern gleich hinter dem Waffen- und Drogenhandel an dritter Stelle liegt. In diesem „Geschäft“ sind Milliarden zu machen, da betätigen sich natürlich nicht nur Terroristen, sondern auch ganz gewöhnliche Kriminelle. Der Palmyra-Experte Andreas Schmidt-Colinet, über dreißig Jahre Leiter der deutsch-syrischen Ausgrabungen in der Wüstenstadt, meint: „Seit dem Ausbruch des Krieges hat sich das Angebot an Skulpturen, Schmuck und Grabreliefs aus Mesopotamien verzwanzigfacht.“ Ein Angebot allerdings, das in fast allen Fällen kriminellen oder auch terroristischen Hintergrund hat.

Bei den Zerstörungen in Palmyra ist Schmidt-Colinet verbittert, dass die internationale Staatengemeinschaft tatenlos zusehe. Obwohl alles bekannt, oft sogar filmisch dokumentiert sei, passiere nichts. Verärgert sagt der Archäologe: „Hinterher sollten wir nicht behaupten, das hätten wir nicht gewusst. Das ist wie Hitlers ‚Mein Kampf‘ lesen und leugnen, dass die Juden ausgerottet werden sollten.“ Die Welt sieht immer wieder zu, wenn furchtbares Unrecht an Mensch und Kultur geschieht. Wir lernen daraus: Der Mensch wird nicht klüger.

Die Welt sieht immer wieder zu, wenn furchtbares Unrecht an Mensch und Kultur geschieht.

walter.fink@vorarlbergernachrichten.at
Walter Fink ist pensionierter Kulturchef des ORF Vorarlberg.