Walter Fink

Kommentar

Walter Fink

Das Evangelium auf Wäldarisch

Kultur / 25.03.2016 • 18:52 Uhr

Die Bibel ist das meistverkaufte Buch der Welt. Etwa sechs Milliarden Mal soll es bisher an den Mann beziehungsweise an die Frau gebracht worden sein. Knapp gefolgt übrigens von der Mao-Bibel, den Anweisungen des Großen Vorsitzenden in China, der inzwischen allerdings in Ungnade gefallen ist, also – im Gegensatz zur Bibel – keine weiteren Auflagen mehr erleben wird. Die Bibel ist auch das meistübersetzte Buch, nach Angaben des Weltverbandes der Bibelgesellschaften ist die Heilige Schrift bis heute zumindest in Teilen in 2527 Sprachen der Welt übersetzt worden (insgesamt gibt es nach Angaben der Universität Leipzig etwa 7000 Sprachen) . Die ganze Bibel liegt in 371 Sprachen vor. Diese Angaben müssen nun korrigiert werden: Seit Ende vergangenen Jahres gibt es eine Teilübersetzung mehr: Das Johannes-Evangelium wurde vom Egger Tone Franz in Bregenzerwälder Mundart (genauer: Mundart des mittleren Bregenzerwaldes) übertragen. „Dor Johannes-Bricht“ ist der Titel, erschienen im Eigenverlag, erhältlich ist er im Buchhandel.

 

Die Beschäftigung mit der Bibel ist nicht das angestammte Metier des Tone Franz, denn eigentlich war er bei einem großen Lebensmittelhändler tätig. Aber das Interesse für die Bibel, das war da. Und dazu noch das Interesse für die eigene Mundart. So war es nur folgerichtig, dass er versucht hat, Bibelstellen in den Dialekt zu übertragen. Und da habe er festgestellt, „dass solche Texte in der Mundart geschrieben beim Leser oder Zuhörer einen neuen Stellenwert haben“. Oft habe er gehört: „Ich habe das jetzt ganz anders verstanden, es hat mich mehr berührt als die Hochsprache.“

 

Tone Franz hat sich eingehend mit dem Thema beschäftigt, er hat nicht nur übersetzt. Das zeigt sich schon im ersten, berühmten Satz des Johannes-Evangeliums: „Am Anfang war das Wort.“ Bei Tone Franz heißt das: „Am Aafang ischt di schöpfarisch Kraft gsin.“ Er folgt also, wie er selbst angibt, dem amerikanischen Theologen Matthew Fox, der statt „Wort“ den Begriff „schöpferische Kraft“ verwendet. Tone Franz meint, das sei verständlicher. Er erlaubt sich also, nicht nur zu übertragen, sondern auch mitzudenken.

Und das ist bei der Bibel – nicht nur bei einer Übersetzung – mehr als sinnvoll, geradezu notwendig. Und so wird auch „Dor Johannes-Bricht“ von Tone Franz auf Wäldarisch zum Erlebnis – zum sprachlichen und zum spirituellen.

Diese Angaben müssen nun korrigiert werden: Seit Ende vergangenen Jahres gibt es eine Teilübersetzung mehr.

walter.fink@vorarlbergernachrichten.at
Walter Fink ist pensionierter Kulturchef des ORF Vorarlberg.