Walter Fink

Kommentar

Walter Fink

Zornig könnte man werden

Kultur / 15.04.2016 • 19:06 Uhr

Wir leben in einem der reichsten Länder der Welt, wir leben in hoher wirtschaftlicher Stabilität und Sicherheit, wir haben seit mehr als sechs Jahrzehnten keinen Krieg mehr erlebt, sondern nur steigenden Wohlstand. Die jüngeren Generationen wissen längst nicht mehr, was Hunger und Unsicherheit bedeuten. Und nun kommen die Ärmsten dieser Welt, die Flüchtlinge, in hoher Zahl zu uns. Sie haben die Schrecknisse von Terror, Krieg, Hunger und Diktatur erlebt. Und nun würden sie gerne einfach leben, wie wir es seit Langem gewohnt sind.

 

Doch jetzt wird uns das zu viel, jetzt ziehen wir Zäune hoch um unsere Republik, jetzt kürzen wir die Mindestsicherung, die Sozialleistungen, jetzt erschweren wir es jenen, die seit Langem in Not leben, an unserem Wohlstand teilzuhaben. Weil wir glauben, dass wir sonst etwas von dem Vielen, das wir haben, hergeben müssten. Wir igeln uns ein, reden von der Festung Europa und der noch heftiger verteidigten Insel Österreich. Ganz vorne mit dabei sind unsere Politiker, auch jene, die noch vor wenigen Monaten große menschliche Töne von sich gegeben haben. Das ist vorbei. Jetzt sind sie unsere großen Beschützer, ob wir das wollen oder nicht. Viele Sozialorganisationen, die Caritas, Ärzte ohne Grenzen und andere soziale Einrichtungen wehren sich gegen die Verschärfung der Gesetze, sie wollen helfen, aber man lässt sie nicht. Unmenschliche Gesetze werden durchgepeitscht, damit wir all die Schutzsuchenden von unseren Grenzen abweisen können. Zornig könnte man werden.

 

Und auch das geschieht heute in Österreich: Für Entwicklungshilfe werden nicht die von der UN-Generalversammlung vorgesehenen 0,7 Prozent des Nationaleinkommens ausgegeben, sondern gerade einmal 0,28 Prozent. Insgesamt sind das etwa 77 Millionen Euro. Auf der anderen Seite aber werden von unserer Regierung Waffenexporte in der Größenordnung von 1,8 Milliarden Euro genehmigt. Anders gesagt: Wir helfen den armen Völkern dieser Welt nicht, indem wir Entwicklungshilfe leisten, aber wir verkaufen ihnen dafür Waffen, damit sie sinnlose Kriege führen können. Und dann wundern wir uns, dass aus diesen Teilen der Welt Hunderttausende Flüchtlinge kommen. Wir – und die anderen Industrienationen – haben diese Fluchtbewegung selbst gezüchtet. Wir tragen Mitschuld am Unglück dieser Menschen und so haben wir die verdammte Pflicht und Schuldigkeit, nun auch etwas für sie zu tun. Basta!

Wir tragen Mitschuld am Unglück dieser Menschen und so haben wir die Schuldigkeit, nun auch etwas für sie zu tun.

walter.fink@vorarlbergernachrichten.at
Walter Fink ist pensionierter Kulturchef des ORF Vorarlberg.