Walter Fink

Kommentar

Walter Fink

Sein Himmel war geliehen

Kultur / 22.04.2016 • 22:49 Uhr

Seine Großeltern lebten noch im zaristischen Russland, doch dann musste das tscherkessische Volk, dem sie angehörten, auswandern. Sie zogen ins damalige Osmanische Reich, nach Anatolien. Sein Vater nahm als türkischer Offizier am Ersten Weltkrieg teil, doch die Tscherkessen erhielten danach keinen Minderheitenstatus in der neuen Türkei. Im Gegenteil: Die Sprache wurde verboten, die Namen mussten an die türkische Sprache angeglichen werden. Kundeyt Surdum, Jahrgang 1937, hörte die Eltern tscherkessisch sprechen, er aber wurde in türkischer Sprache erzogen. Ihm fehlte also die Muttersprache, das Tscherkessische. Seine Eltern gehörten dem tscherkessischen Hochadel an, seine spätere Frau war eine tscherkessische Prinzessin. Doch der Adel hinterließ keine finanziellen Spuren, man lebte in Armut. Und trotzdem besuchte Kundeyt Surdum das St. Georg College, ein österreichisches Gymnasium. Dann studierte er an der Universität Istanbul Germanistik, er übersetzt Gedichte von Ingeborg Bachmann oder Paul Celan.

 

Anfang der Siebzigerjahre kam Kundeyt Surdum mit seiner Familie nach Vorarlberg – und wurde hier zum großen Lyriker in deutscher Sprache. Wir alle, denen Sprache, denen Lyrik etwas bedeutete, haben ihn geliebt. Keiner war so genau im Umgang mit den Worten, keiner kannte wie er das Gewicht eines Wortes, keiner war uns so fremd und gleichzeitig so vertraut im Klang seiner Gedichte. „Unter einem geliehenen Himmel“ war sein erstes Buch – und das erregte Aufsehen. Nicht nur, dass ein Türke in Deutsch schrieb, sondern vor allem, wie er schrieb. Und wie er las. Mit sanfter Stimme, die die fremde Herkunft nicht verleugnen konnte, auch nicht wollte. Wer hätte die Gefühle der Gastarbeiter – so bezeichnete man die Menschen, die hierher zur Arbeit kamen, damals – besser ausdrücken können als Kundeyt Surdum. Michael Köhlmeier schrieb dazu: „Seine Gedichte haben einen selten gehörten Ton. Es macht dies der selbstverständliche, unschuldige Umgang mit dem Pathos. (…) Im Ton dieser Gedichte liegt die Begründung, warum sie geschrieben wurden: aus dem Gefühl der Ergriffenheit.“ Niemand wird mehr so schreiben wie Kundeyt, niemand wird uns in Zukunft mit seinen Gedichten so nahe kommen. Kundeyt Surdum ist gestorben – ein türkischer Dichter unserer Sprache hat uns verlassen. Uns bleibt die Traurigkeit – und Dankbarkeit.

Niemand wird mehr so schreiben wie Kundeyt, niemand wird uns in Zukunft mit seinen Gedichten so nahe kommen.

walter.fink@vorarlbergernachrichten.at
Walter Fink ist pensionierter Kulturchef des ORF Vorarlberg.