Haben wir einen Religionskrieg?
Wir mussten uns in der jüngeren Zeit an ziemlich vieles gewöhnen, an das man sich aber nicht gewöhnen kann, auch nicht gewöhnen will. Zu unerträglich sind die Dinge, die täglich auf uns zukommen. Dabei meine ich diesmal nicht die ganz schrecklichen Dinge, die Videos, in denen Menschen auf widerlichste Art umgebracht werden, auf denen sie ausgepeitscht werden, auf denen der Mensch dem Menschen, wie das schon die Römer sagten, zum Wolf wird. Ich meine auch nicht die Flüchtlingsbewegung, die seit einiger Zeit die Probleme der Welt auch in unser Land trägt.
Ich meine „nur“ den Krieg der Worte, der derzeit auf nahezu allen Ebenen herrscht, nicht zuletzt auf dem politischen Parkett, wo man sich üblicherweise jedes Wort genau überlegt, sich eben diplomatisch ausdrückt. Davon aber ist keine Rede mehr, vor allem bei den Politikern der Türkei gegenüber Österreich.
Bereits vor einer Woche hat der türkische Außenminister Ahmet Cavusoglu Österreich als „Zentrum des radikalen Rassismus“ bezeichnet, nachdem Bundeskanzler Christian Kern gemeint hatte, dass man die Beitrittsverhandlungen der Türkei zur EU unter den derzeitigen Umständen abbrechen sollte. Kern bezog sich dabei auf die Aushebelung der Demokratie, die im Moment in der Türkei stattfindet. Und dann legte Burhan Kuzu, der Chefberater des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, der sich immer mehr zum Despoten wandelt, noch ein Schäuferl nach und meinte an die Adresse von Kern: „Verpiss dich, Ungläubiger!“ Das ist im Normalumgang schon unzulässig, auf politischer Ebene noch vielmehr.
Ich bin kein großes Rädchen im Staate Österreich, aber trotzdem fühle ich mich persönlich beleidigt, wenn unser wichtigster politischer Repräsentant, der Bundeskanzler, auf diese Art angepöbelt wird. Es gab schon ein kleines Lüftchen in unserem Blätterwald, es gab aber keinen Aufschrei. Und den hätte es, so meine ich, geben müssen. Es hätte ihn in Österreich, es hätte ihn auch in der EU geben müssen. Denn mit dieser Wortwahl befinden wir uns mitten in einem Religionskrieg: „Ungläubige“ – in diesem Fall aus dem Blickwinkel des Islam – können öffentlich angegriffen und verunglimpft werden.
Der Schritt von der Gewalt im Wort zur Gewalt in der Tat ist aber, wie wir wissen, nur gering. Die islamistische Szene ist schon ausreichend verhetzt, da bedarf es keiner weiteren Aufheizung mehr.
Der Schritt von der Gewalt im Wort zur Gewalt in der Tat ist aber, wie wir wissen, nur gering.
walter.fink@vorarlbergernachrichten.at
Walter Fink ist pensionierter Kulturchef des ORF Vorarlberg.
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