Walter Fink

Kommentar

Walter Fink

Eine höchst spannende Zeit

Kultur / 06.01.2017 • 22:47 Uhr

Am ersten Tag des Jahres 1992 war ich ziemlich nervös. Ich saß an meiner Schreibmaschine, der Computer war damals noch kein gängiges Arbeitsgerät, und überlegte, was ich meinen Lesern als erstes zumuten könnte. Ich saß also vor genau einem Vierteljahrhundert vor einem leeren, eingespannten Blatt, um meinen ersten Kommentar für die VN zu schreiben. Wenn ich mich recht erinnere – ich führe keine Aufzeichnungen –, dann ging es mir um das Landeskulturbudget des gerade angebrochenen Jahres; Kultur und Kulturpolitik sollten mein bestimmendes, aber nicht ausschließliches Thema bleiben. Landeshauptmann war damals Martin Purtscher, Kulturreferent Guntram Lins.

Es war also eine Zeit des kulturellen Aufbruchs. Das Kunsthaus Bregenz war zwar beschlossen, aber noch nicht in seiner endgültigen Fassung bestimmt; das Festspielhaus stand noch in seiner alten, ungeeigneten architektonischen Form; die kulturelle Szene begann unter Guntram Lins erst so richtig aufzuatmen. Es war also eine höchst spannende Zeit, und bis heute ist es mir bei dieser Tätigkeit nie langweilig geworden.

Ein journalistisches Credo hatte mir schon zwanzig Jahre früher (ich war damals freier Journalist), zur Zeit der Bregenzer Randspiele, der Germanist und Dichter Robert Blauhut vorgegeben. Er hatte gemeint, jemand, der die Möglichkeit habe, in der Öffentlichkeit, also in einer Zeitung oder in Radio und Fernsehen, zu agieren, der müsse den Maßstab nach oben setzen. Er dürfe also „keine Angst vor Thronen“ haben, er müsse seine Kritik gegen die Mächtigen in Politik, Wirtschaft, Kultur, in der Kirche oder auch im Journalismus richten. Zu schützen seien immer jene, die an der unteren Skala der Macht stünden, die Wehrlosen, die Rechtlosen, die, die „von oben“ niemals gehört werden. Blauhut versuchte also, den in dieser Zeit Jungen journalistische Moral zu predigen, und seine Worte fielen bei manchen Kollegen durchaus auf fruchtbaren Boden. Ich habe auch versucht, seinen Forderungen gerecht zu werden, weiß aber wohl, dass mir das nicht immer geglückt ist. Was nicht heißt, dass ich das nicht weiterhin versuchen will. Ich kann’s nicht so schön sagen, wie Altmeister Johann Wolfgang von Goethe im zweiten Teil seines Faust, aber ich meine es so: „Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen.“ In diesem Sinne will ich es weiter versuchen.

Ich habe auch versucht, seinen Forderungen gerecht zu werden, weiß aber wohl, dass mir das nicht immer geglückt ist.

walter.fink@vn.at
Walter Fink ist pensionierter Kulturchef des ORF Vorarlberg.