Eine Lanze für das Vorlesen
Meine jüngste Enkelin Fanny hat mir ein besonderes Geschenk gemacht. Sie hat keinen Einspruch erhoben, dass ich in ihrer Klasse – sie besucht die erste Volksschulklasse – als Lesepate auftrete. Unter einem Lesepaten versteht man jemanden, der in die Schule kommt und den Kindern Geschichten für Kinder vorliest. Ich mache das nun schon seit vergangenem September und freue mich von Woche zu Woche auf meine Begegnung mit den jungen Menschen, die aus vier Klassen kommen. Es handelt sich hier um eine Montessori-Klasse, die an der öffentlichen Schule in der Bregenzer Augasse geführt wird.
Ich bekenne: Mein Gewinn ist vermutlich höher als jener der Kinder. Ich sehe den Unterschied von meiner Schulzeit zu heute, von meinen Lehrerinnen und Lehrern zu den heute Unterrichtenden, und ich bin tatsächlich überwältigt. Ein Vergleich ist unmöglich, die Dinge haben nichts miteinander zu tun. Uns hat man zu drillen versucht (was bei mir nicht gelungen ist, aber manch anderen kaputt gemacht hat); heute versucht man Interessen zu wecken, ohne das Gemeinsame aus den Augen zu verlieren. Das heißt, dass die Lehrerin natürlich noch immer Autorität hat, dass im Zweifelsfall noch immer sie bestimmt, wohin der Weg geht, dass aber das Kind in solchen Entscheidungen nicht ausgeklammert ist. Ich weiß schon, was jetzt kommt: Ich sei naiv, dass ich das bis jetzt noch nicht wahrgenommen habe. Schon, aber das Erleben ist noch immer etwas anderes, Beeindruckenderes als das Reden darüber.
Und dann das Lesen. Es ist einfach schön, da zu sein, vorzulesen und rundum sitzen und liegen die Kinder, die ja nicht nur hören, sondern sich in den Geschichten geradezu verlieren. Es ist auch gut, sich wieder einmal mit Literatur für junge Leute zu befassen. Was hat uns damals gefallen, gilt diese Freude noch für heutige Kinder? „Eulenspiegel“, „Münchhausen“ oder die „Schildbürger“ kennen zwar die wenigsten, wenn es aber ans Lesen, vielmehr: ans Zuhören geht, dann geht das heute wie gestern. Vorlesen – das ist das Zauberwort. Und wenn ich in Untersuchungen nachgewiesen bekomme, dass zu Hause nur einem ganz kleinen Teil der Kinder vorgelesen wird, dann wundere ich mich auch nicht mehr über die Ergebnisse, dass fast ein Drittel aller Kinder nicht sinnerfassend lesen kann. Sie sind nie zum Lesen gebracht worden, und damit entgeht ihnen eine der schönsten Beschäftigungen des Lebens.
Uns hat man zu drillen versucht, heute versucht man Interessen zu wecken, ohne das Gemeinsame aus den Augen zu verlieren.
walter.fink@vn.at
Walter Fink ist pensionierter Kulturchef des ORF Vorarlberg.
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