Athen ist jetzt auch in Kassel
Mein Versäumnis wurde mir erst jetzt in Kassel klar: Wie konnte ich nur die documenta 14 in Athen auslassen? Da fahre ich jahrzehntelang immer wieder in die griechische Hauptstadt, dann ist einmal eine Weltschau der Kunst im Zentrum der antiken Klassik, und ich fahre nicht hin. Denn erstmals wurde die documenta nicht nur in Kassel, sondern im Frühjahr auch an anderem Ort, in Athen, gezeigt. Besonders deutlich wurde mir das, als wir gemeinsam mit Freunden in den zentralen Räumen des Fridericanums waren, in denen vor allem zeitgenössische griechische Künstler und Arbeiten aus dem Athener Museum zur neuen Kunst zu sehen waren.
Da war mir klar, was ich in Athen versäumt hatte, da war mir auch klar, dass ich bisher ein falsches, besser: gar kein Bild von heutiger griechischer Kunst hatte.
Ich war also nicht in Athen, aber den großen Tempel jener Göttin, die Athen den Namen gab, den sah ich auch in Kassel: den Parthenon. Nicht so wie auf der Akropolis, aber doch in den gleichen Ausmaßen, in der gleichen Größe, wenn auch nicht aus Stein. „Der Parthenon der Bücher“ nennt sich die grandiose Arbeit der argentinischen Künstlerin Martha Minujin, die auf dem Friedrichsplatz steht. Genau dort, wo am 19. Mai 1933 von den Nationalsozialisten jene Bücher verbrannt wurden, von denen sie glaubten, sie seien „wider den deutschen Geist“.
100.000 Bücher wurden gesammelt, die heute oder irgendwann verboten sind bzw. waren, und aus denen nun der glanzvolle Höhepunkt der documenta erbaut wurde.
Vergeblich sucht man auf dieser Weltschau der Kunst (noch bis 17. September) die großen Namen, kaum eine Künstlerin, kaum ein Künstler wird hier gezeigt, die oder den man kennt. Er wollte, so sagte Adam Szymczyk, der Kurator der documenta, „Namen, die der Kunstwelt bisher unbekannt waren“. Er wollte Dinge sichtbar machen, die vorher wenig sichtbar waren. Das ist ihm, so meine ich, auf beeindruckende Weise gelungen. Die 160 Künstler, die er in Kassel zeigt, sind nicht bekannt, aber die Probleme, die sie auf die Kunstbühne der Welt bringen, machen sie tatsächlich sichtbar. Gewalt, Flucht, Migration finden sich ebenso wie der Umgang mit Völkern, die kaum Fürsprecher haben.
Nicht zuletzt wird damit auch unsere eigene Geschichte zum Thema. Diese documenta – ich wage es zu behaupten – wird, wenn schon nicht die Welt, dann zumindest die Kunstwelt verändern.
Diese documenta – ich wage es zu behaupten – wird, wenn schon nicht die Welt, dann zumindest die Kunstwelt verändern.
walter.fink@vn.at
Walter Fink ist pensionierter Kulturchef des ORF Vorarlberg.
Kommentar