Das Unfertige als Programm

Vier Ausstellungen im Künstlerhaus Bregenz öffnen Räume, in denen Kunst entsteht, stockt und sich verwandelt.
Bregenz Im Künstlerhaus Bregenz verdichten sich vier Ausstellungen zu einem vielstimmigen Parcours durch zeitgenössische künstlerische Praxis, der weniger auf abgeschlossene Werke als auf Prozesse, Fragestellungen und Übergänge zielt – ein offenes Haus im eigentlichen Sinn, das bis 26. April 2026 unterschiedliche Zugänge zum künstlerischen Arbeiten sichtbar macht.

Im Untergeschoss beginnt dieser Rundgang mit der Ausstellung „Zur Zeit Innsbruck – supercalifragilisticexpialidocious“, entwickelt von der Klasse formerlynotknown des Instituts für Urban Design der Universität Innsbruck. Hier wird Architektur als visuelle Sprache, als System von Zeichen, das sich lesen, verschieben und neu zusammensetzen lässt. Durch die Überlagerung ikonischer Grundrisse aus Los Angeles mit Figuren und Motiven der Alltagskultur entstehen hybride Zeichnungen, die vertraute Bedeutungen ins Rutschen bringen.

Im Erdgeschoss wird dieses Denken in Prozessen konsequent weitergeführt. Künstlerinnen, Künstler und Kollektive entwickeln temporäre Interventionen für Café, Foyer und Ausstellungsräume, wobei der Fokus bewusst auf dem Unfertigen liegt. Für jeweils zehn Tage werden Räume zu offenen Arbeitszonen, in denen Ideen nicht präsentiert, sondern verhandelt werden. Die Ausstellung „Das kann ich auch“ greift dabei eine oft gehörte Reaktion auf zeitgenössische Kunst auf und kehrt sie ins Produktive: Nicht die vermeintliche Einfachheit eines Werkes steht im Zentrum, sondern die Differenz zwischen Vorstellung und tatsächlicher Umsetzung. Arbeiten in unterschiedlichen Medien werden bewusst in Zuständen gezeigt, die zwischen Fertigkeit und Abbruch oszillieren. Das beteiligte Künstler:innenkollektiv öffnet Prozesse, die sonst verborgen bleiben: Werke, die stocken, sich verändern oder in Sackgassen geraten sind. Besucher sind eingeladen, einzugreifen, zu verändern, weiterzuführen.

Einen besonders sinnlichen Zugang zu diesem Prozessdenken bietet Bianca Lugmayr mit ihrem „Plant Colouring Lab“, das Mitte April das Erdgeschoss bespielt. In einer Atmosphäre zwischen Werkstatt und Installation wird das Färben mit Pflanzen als offener, experimenteller Vorgang erfahrbar. Stoffe aus Leinen, Biobaumwolle und Seide werden mit natürlichen Materialien bearbeitet, während Werkbänke, Pflanzen und Gerätschaften den Raum strukturieren. Die Grenzen zwischen Produktion und Präsentation lösen sich auf, der künstlerische Prozess wird selbst zum eigentlichen Werk.

Im ersten Stock, balkonseitig, zeigt Birgit Pleschberger eine konzentrierte Auswahl an Zeichnungen, Collagen und grafischen Arbeiten. In Serien wie „Waypoints“ oder „Fishes“ verbindet sie Bild und Schrift zu feinen, oft humorvollen Reflexionen über das Menschsein. Die Texte sind dabei integraler Bestandteil der Bildstruktur.

Parkseitig entfaltet Wolfgang Bender unter dem Titel „Ferrara 44°“ seine Serie „Atem“, die aus einer existenziellen Erfahrung heraus entstanden ist. Zeichnen wird hier zu einer körperlichen Handlung, die an den Rhythmus des Atems gebunden ist. Punkt für Punkt, Zug für Zug entstehen Bilder, die zwischen Abstraktion und Andeutung von Landschaften oszillieren.

Den Abschluss bildet im Dachgeschoss Viktor Platonow mit „Lebenslinien – 9 Jahrzehnte“, einer umfassenden Schau seines jahrzehntelangen Schaffens. Zwischen Skulptur und Malerei entfaltet sich ein Kosmos aus mythologischen, symbolischen und spirituellen Bezügen. In expressiver Farbigkeit und kubistischer Auflösung von Form und Raum sucht Platonow nach dem Universellen im Fragmentarischen, nach jenen unsichtbaren Kräften, die das Sichtbare durchziehen.