Und fühle mit sehender Hand
Über den Sommer hatten die Freunde der Bildhauerei ein ganz besonderes Erlebnis auf dem Kornmarktplatz in Bregenz. Vor dem Kunsthaus wurde anlässlich des 20-Jahr-Jubiläums ein Betonporsche von Gottfried Bechtold aus der 11er-Serie aufgestellt, vor dem Landesmuseum stehen noch bis zum nächsten Wochenende im Rahmen der Ausstellung „Herbert Albrecht – Stein und Bronze“ zwei große Köpfe, einer in weißem Carrara-Marmor, ein anderer in afrikanischem Granit. Alle drei fordern vor allem zu einem heraus: Zum Angreifen, zum Drüberstreicheln, zum Be-greifen der Materie.
Beim Porsche ist es dichter, von Bechtold selbst gemischter feiner Beton, bei den Köpfen sind es ganz besondere, von Albrecht bearbeitete Steine – und beim einen wie beim anderen erweitert der Tastsinn erheblich das Anschauen.
Dazu gibt es eine schöne Geschichte von Johann Wolfgang Goethes erster Italienischer Reise, die eher eine Flucht vor den verschiedenen Verpflichtungen in Weimar denn eine Kulturreise war. Zwei Jahre, von 1786 bis 1788, dauerte die Reise, zentraler Punkt der Sehnsucht war Rom.
Es war die Zeit, in der Goethe auch viel mit Angelika Kauffmann in die Museen der Stadt ging. Vor allem aber hatte er eine Liebesbeziehung mit der geheimnisvollen Faustina, sie ist auch Thema in den „Römischen Elegien“, einem Zyklus von 24 Gedichten, die in den Folgejahren der Reise entstanden.
In der fünften Elegie kommt zur Bildung an den antiken Kunstwerken auch das erotische Erlebnis mit Faustina. Goethe beschreibt, wie er seine Hand über ihre Brüste und Hüften gleiten lässt, wie ihm dabei der Gedanke an die wunderbaren Marmorskulpturen kommt: „Dann versteh ich den Marmor erst recht“, schreibt er. Und er meint, man müsse eben beide angreifen, die Schöne und den Marmor. Das sagt er mit einem wunderbaren Satz: „Sehe mit fühlendem Aug, fühle mit sehender Hand.“
Ich neige dazu, das nicht nur auf antike Figuren, sondern auch auf bildhauerische Arbeiten heutiger Zeit anzuwenden. Es ist einfach so: Den optischen Sinn, das „fühlende Auge“, durch den haptischen, die „sehende Hand“, zu erweitern, bringt ein anderes, tieferes Verständnis, vielleicht sogar eine neue Sichtweise für die Skulptur. Trotzdem darf man natürlich nicht immer und überall Skulpturen anfassen – aber bei Bechtold und Albrecht sollte man das machen, solange es noch geht, man sollte auch die nach Goethe „sehende Hand“ einsetzen.
Den optischen Sinn durch den haptischen zu erweitern, bringt ein anderes, tieferes Verständnis, vielleicht sogar eine neue Sichtweise für die Skulptur.
walter.fink@vn.at
Walter Fink ist pensionierter Kulturchef des ORF Vorarlberg.
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