Nach vier Fehlgeburten und einer Totgeburt: „Der Schmerz bleibt. Doch mit der Zeit wird es leichter, damit umzugehen“

Bianca hat fünf Kinder verloren. Sie erzählt, wie sie durch die Trauer fand – und was ihr geholfen hat, nicht an allem zu zerbrechen.
Region „Ich habe sechs Kinder, davon eines an der Hand.“ Bianca hat fünf Sternenkinder. Sie und ihr Mann Matthias, beide in Großfamilien aufgewachsen, träumten von einem voll besetzten Esstisch mit eigenen Kindern und bauten dafür ein großes Haus.
2010 wurde Bianca zum ersten Mal schwanger – nach vier Jahren des Versuchens. Doch der Fötus war am Eierstock angewachsen und platzte in der siebenten Woche – Notoperation. 2011 wurde sie erneut schwanger. Das Mädchen hieß Sophie. Sie wurde keinen Tag alt. „Es hat alles gepasst bis zur 41. Schwangerschaftswoche“, sagt Bianca. Doch in der Nacht platzte die Fruchtblase. Im Krankenhaus kam dann der Schock: Die Ärzte konnten keine Herztöne mehr feststellen. Am nächsten Abend gebar Bianca ihr totes Baby. Ihre Sophie, die nicht weinte, nicht schrie, sondern ganz still war. Die Nabelschnur hatte sich zweimal straff um ihren Hals gewickelt. „Es zu gebären ist das Einzige, was du noch für dein Kind tun kannst“, sagt Bianca. Eine natürliche Geburt sei dabei der erste Schritt des Loslösungsprozesses.
Ein leerer Maxi-Cosi
Der Verlust stellte auch ihre Beziehung auf eine harte Probe. „Mein Mann sagte, dass man unsere Geschichte ausgelöscht hätte.“ Seit dem positiven Schwangerschaftstest hatten sie ihr gemeinsames Leben neu entworfen – und standen plötzlich wieder am Anfang. Matthias und Bianca fuhren nach der Geburt mit einem leeren Maxi-Cosi nach Hause. „Das Heimkommen war echt grob“, erinnert sich Bianca. Lange Zeit konnte sie Sophies Zimmer nicht betreten.

Um sich nicht zu verlieren, „muss man fest aufeinander schauen“, sagt Bianca. Es gebe nur zwei Wege: „Entweder man schweißt als Paar zusammen oder geht auseinander.“ Sie suchten sich psychologische Hilfe. „Ich habe es furchtbar gefunden, dass mein Mann unsere Tochter nicht so spüren konnte, wie ich es konnte.“ Jeder geht anders mit Trauer um. „Er hat den Starken gespielt und geschaut, dass es mir gut geht.“ In der Therapie wurde ihnen klar, wie weit sie in ihrer Trauerbewältigung voneinander entfernt waren.
Hormonbehandlung mit Folgen
Das erste Jahr war besonders schlimm. „Ein Jahr braucht man, um alles einmal durchlebt zu haben“, sagt Bianca – auch den ersten Geburtstag ihres Kindes. Eineinhalb Jahre später fühlte sie sich wieder bereit für ein Kind, doch eine Schwangerschaft blieb aus. In Feldkirch ließ sie sich untersuchen. Die Diagnose: Die Eileiter waren verschlossen. Es folgte eine Hormonbehandlung. „Der Kinderwunsch war einfach zu groß, um etwas unversucht zu lassen.“ Die Hormone führten zu einer Zyste, Bianca brach die Behandlung ab – ohne zu wissen, dass sie bereits in der neunten Woche schwanger war.

Eine unbeschwerte Schwangerschaft war für sie jedoch nicht mehr möglich. Zu tief saß der Schmerz über die beiden verlorenen Kinder. Obwohl die Schwangerschaft komplikationslos verlief, ließ sie alles engmaschig kontrollieren. Aus Angst vor einem erneuten Blasensprung kam Raphael zwei Wochen vor dem errechneten Geburtstermin im September 2016 per Kaiserschnitt zur Welt.
Entschieden, zu dritt zu bleiben
2018 wurde Bianca erneut schwanger – mit Zwillingen. Doch sie hörten in der elften Woche auf zu wachsen. 2019 hielt sie wieder einen positiven Schwangerschaftstest in der Hand. Auch dieses Kind starb – in der 13. Woche. „Dann war ich echt durch. Es wurde von Mal zu Mal schlimmer. Ich konnte nicht mehr“, gesteht Bianca. Sie war damals 39 Jahre alt – mit ihrer Vorgeschichte galt sie ohnehin als Risikoschwangere. Auch ihr Mann wollte dieses ständige „Auf und Ab“ nicht länger mitmachen. „Dann haben wir uns entschieden, dass wir zu dritt bleiben.“ Raphael ist heute neun Jahre alt und weiß, dass er eigentlich fünf Geschwister hätte.
2020 gründete Bianca mit ihrer Schwägerin die Initiative „Sternenmamis“. Einmal im Monat treffen sich Eltern, die Ähnliches erlebt haben, um gemeinsam darüber zu sprechen. Auch mit ihrem Mann konnte Bianca immer über alles reden. „Ich bin stolz, dass wir es miteinander geschafft haben. All unsere Kinder haben einen Platz in der Familie gefunden. Aber sie überschatten nicht alles.“ Die Zeit heilt nicht alle Wunden. „Der Schmerz bleibt. Doch mit der Zeit wird es leichter, damit umzugehen.“