Walter Fink

Kommentar

Walter Fink

Nicht wissen ist Schuld

Kultur / 15.09.2017 • 18:44 Uhr

Vor Kurzem habe ich in einem Medium einen spannenden Satz gelesen. Gesagt hat ihn eine 92 Jahre alte Dame, die vor einem Menschenalter das Morden des nationalsozialistischen Regimes an den Juden überlebt hatte. Esther Bejarano war im KZ Auschwitz Mitglied des Mädchenorchesters und kämpft heute dafür, dass die Gräueltaten, die innerhalb und außerhalb der Konzentrationslager an Menschen anderer Rassen, anderer Religion und anderer Hautfarbe verübt wurden, nicht vergessen werden. Am vergangenen Wochenende trat die alte Dame mit der Hip-Hop-Band Microphone Mafia in Cuxhaven auf. Der Satz, den sie der Jugend mitgibt: „Ihr habt keine Schuld an dieser Zeit. Aber ihr macht euch schuldig, wenn ihr nichts über diese Zeit wissen wollt.“

Diese Aussage ist nicht nur warnend, sie ist auch klug. Denn genau darin liegt eine neue mögliche Schuld: im Vergessen oder im Verdrängen oder im Nicht-wissen-Wollen, obwohl man alles wissen könnte. Man muss dazu keine großen historischen Studien anstellen. Man kann entsprechende Bücher lesen, man kann Dokumentationen zu dieser schrecklichen Zeit anschauen, man kann auf Vorträge gehen, die dazu angeboten werden. Es gibt ausreichend Möglichkeiten, dass man über all die Unmenschlichkeit, die während der Zeit des Nationalsozialismus begangen wurde, Bescheid weiß. Aber: Man muss wollen. Sonst macht man sich schuldig, wie das Esther Bejarano sagt.

Ich bin versucht, das auch heutigen Politikern ins Stammbuch zu schreiben. Denn immer wieder, in unangenehmer Regelmäßigkeit, treten Vertreter, vor allem der Freiheitlichen, auf, die die Verbrechen dieser Zeit leugnen, die dem schlimmsten Regime, das in unseren Geschichtsbüchern steht, sogar noch manch Gutes abgewinnen können. Das hat mit Jörg Haider und seiner „ordentlichen Beschäftigungspolitik“ angefangen und auch unter Heinz-Christian Strache nie mehr aufgehört. Nachzulesen bei Hans-Henning Scharsach: „Stille Machtergreifung. Hofer, Strache und die Burschenschaften“ (Verlag Kremayr & Scheriau).

Dazu gehört aber auch die bis vor Kurzem so groß gefeierte
Initiatorin der Oma-Revolte, die aus Vorarlberg stammende
Gertraud Burtscher, die inzwischen über ihre Nazi-Ideologie
gestolpert ist und über die Gaskammern der Nazis meint: „Es wird schon stimmen, nehme ich an.“ Gegen solche Haltungen müssen wir auftreten, weil sie eine Gefahr für unsere Demokratie darstellen. Es liegt an uns, das zu verhindern.

„Gegen solche Haltungen müssen wir auftreten, weil sie eine Gefahr für unsere Demokratie darstellen.“

Walter Fink

walter.fink@vn.at

Walter Fink ist pensionierter Kulturchef des ORF Vorarlberg.