Langeweile bei der Wahl
In Deutschland wird am kommenden Wochenende die Bundestagswahl abgehalten. Am meisten wird kritisiert, dass der Wahlkampf mit einem Kampf nichts zu tun habe, dass das ganze Hin und Her vor allem von Langeweile gekennzeichnet sei. Wesentlicher Grund dafür ist natürlich, dass „Mutti Merkel“ seit vielen Wochen und auch wenige Tage vor der Wahl einen so großen Vorsprung hat, dass alles andere als ein klarer Sieg der CDU/CSU eine Riesenüberraschung wäre. Schon ein knapper Erfolg wäre für die Umfrageinstitute, die einen klaren Sieg der Konservativen voraussagen, eine heftige Blamage.
Allerdings: Langweilig war dieser Wahlkampf nicht. Erinnern wir uns doch daran, dass der sozialdemokratische Spitzenkandidat Martin Schulz nach Bekanntgabe seiner Kandidatur gegen Angela Merkel einen Höhenflug verzeichnen konnte, wie wir kaum einmal einen verfolgen konnten. Allerdings: Der Absturz war nach kurzer Zeit ebenso dramatisch, und drei Tage vor der Wahl liegt Schulz nach den meisten Prognosen deutlich mehr als zehn Prozent hinter Merkel. Dazu kommt, dass in Deutschland gleich drei Parteien um den dritten Platz rittern, die rechtsradikale AfD, die Freiheitlich-Liberalen und die Grünen. Wobei die AfD, die wie ihre Schwesterpartei in Österreich, die FPÖ, ihre Abgrenzung nach ganz rechts nie geschafft hat, nach derzeitigem Stand die besten Karten für Platz drei hat. Aber immerhin: Im deutschen Wahlkampf war vieles und ist noch heute einiges ziemlich interessant. Von Langeweile also keine Rede.
In Österreich, wo in drei Wochen gewählt wird, scheint es mir doch etwas langweiliger. Nicht nur, weil die Wahldiskussionen im Fernsehen, zumindest bisher, nicht gerade Spannung aufgebaut haben, sondern weil auch bei uns der Vorsprung von Sebastian Kurz bis zur Wahl nicht mehr einholbar erscheint. Auch wenn ich diese offensichtliche Zuwendung zu einem jungen Mann, der sich weigert, seine politische Herkunft, nämlich die Volkspartei, auch nur zu erwähnen, nicht ganz verstehen kann. Wie ich auch nicht verstehe, dass sich die altgedienten Hasen in der ÖVP ohne ein einziges Wort des Murrens hinter Sebastian Kurz verstecken, wohl um einen möglichen Erfolg bei den Wahlen nicht zu gefährden. Dafür sind sie sogar bereit, einer Umfärbung ihrer Partei in Türkis und einer Verleugnung der alten Partei zuzustimmen. Nachher, nach der Wahl, wenn es um das Verteilen der Posten geht, wird das schon wieder anders werden.
„Dafür sind sie sogar bereit, einer Umfärbung ihrer Partei in Türkis und einer Verleugnung der ,alten‘ Partei zuzustimmen.“
Walter Fink
walter.fink@vn.at
Walter Fink ist pensionierter Kulturchef des ORF Vorarlberg.
Kommentar