Der AfD-IKEA-Effekt
Deutschland ringt mit der AfD wie mit einem IKEA-Regal ohne Anleitung: Man starrt auf die Schrauben (Korruption, Vetternwirtschaft, ein paar schmierige Chats), dreht sie nervös in der Luft – und wundert sich, warum am Ende wieder ein wackeliger Rechtsruck-Tisch im Wohnzimmer steht. In der deutschen Publikation “Die Zeit” wird ernsthaft erwogen, ob die AfD an der eigenen Freunderlwirtschaft ersticken könnte – als wäre Rechtsextremismus eine Lebensmittelvergiftung, die man mit dem Hygieneinspektor kuriert. Man verweist pflichtschuldig nach Österreich, auf Ibiza, auf eine angebliche Angst der Rechten vor dem Skandal, und übersieht dabei das Entscheidende: Ibiza hat der FPÖ nicht das Rückgrat gebrochen, sondern höchstens kurz den Party-Nasenflügel eingedrückt. Der blaue Apparat hat gelernt, dass Empörung ein Wetter ist, kein Klima: Es schüttet, man wird nass, man trocknet – und marschiert weiter, oft mit noch mehr Trotz im Schritt.
Wir haben das seit 1986 durchexerziert, seit Jörg Haider die FPÖ zur Provokationsfabrik umgebaut hat. Alles schon da gewesen: Trotz Nazi-Sprüchen, Hypo-Debakel, Wehrsportübungen, Liederbüchern, Ibiza-Video ist die Partei stets gewachsen.
Im Bodenseeraum, wo man morgens nach St. Gallen pendelt, mittags deutsche Nachrichtensprache konsumiert und abends über österreichische Mieten schimpft, sieht man besonders klar, wie grenzenlos diese Stimmungspolitik geworden ist. Wer hier lebt, weiß: Wenn die politische Mitte nur noch empört und erklärt, aber nicht mehr ordnet und entscheidet, füllt Rechtsaußen das Vakuum – ganz ohne Passkontrolle. Und im Zweifelsfall hilft noch der Hinweis, die Freiheitlichen im Land (im Ländle) seien ja nicht Haider, Strache oder Kickl.
Was in Österreich “Verfassungsbogen” hieß (bei der ÖVP) oder “Vranitzky-Doktrin” (bei der SPÖ), ist in Deutschland die “Brandmauer”. Man diskutiert mit dem Ernst eines Bauamts, ob AfD-Leute auf Podien dürfen, ob man ihnen das Mikrofon abdreht, ob lokale Koalitionen möglich oder doch gemeinsames Abstimmen Sünde sind, ob die Mauer irgendwann fallen wird müssen – und während man noch über Statik sinniert, verkauft die AfD den Ziegel längst als Opferrolle. Sogar “Lanz & Precht”, der – wiederum deutsche – wöchentliche Podcast von Markus Lanz und Richard David Precht, stochert im Nebellicht: viel Brandmauer-Metaphysik, wenig Alltagshandwerk.
Was helfen würde, ist unsexy, aber wirksam. Erstens: Journalismus, der nicht “Inflation” schreit oder “Kriminalitätsrate” – und damit alles meint. Teuerung ist für viele nicht der Warenkorb, Verbrechensstatistiken sind nicht eine unmittelbare Bedrohung – sondern das Gefühl, dass man trotz Arbeit rückwärts lebt und sich trotz inneren Friedens gefährdet fühlt. Wer das nicht erklärt, überlässt die Übersetzung den Wutdolmetschern. Zweitens: Politik, die nicht herumschwurbelt und sich in symbolischen Abstimmungs-Operetten verliert (Wehrpflicht hier, Befragung dort), sondern Konflikte benennt, Prioritäten setzt und sie aushält: nicht übersteuert und opportunistisch wie Sebastian Kurz, nicht idealistisch und zeitblind wie Andreas Babler, sondern klar, nüchtern, mit einer Sprache, die nach Wirklichkeit klingt.
Deutschland fragt: “Wie gehen wir mit der AfD um?” Österreich mit 40 Jahren Erfahrung müsste sagen: Fangt endlich wieder an, mit den Leuten umzugehen, die sich von den Rechten angesprochen fühlen – ohne ihnen nach dem Mund zu reden, aber auch ohne ihnen ständig zu erklären, sie seien bloß irrgeführt! Wer auf den nächsten Skandal hofft, verwechselt Politik mit Klatsch: moralisch spannend, demokratisch wirkungslos.
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